Lexikon der Filmbegriffe

Halbsekunde / fehlende Halbsekunde

Das Stichwort „fehlende Halbsekunde“ markiert eine Diagnose zum Thema Fernsehrezeption und gehört in die medienpädagogischen Debatten der 1980er Jahre. Der Begriff stammt von der Kommunikationspsychologin Hertha Sturm, die in zahlreichen empirischen Untersuchungen nachzuweisen versuchte, dass die Fernsehrezeption im Verhältnis zur alltäglichen Wahrnehmung durch fehlende Zeitintervalle gekennzeichnet sei. Sogenannte lebensreale bzw. „direkte“ Wahrnehmung lasse demnach Zeit für einen Erwartungsaufbau und -abruf, für eine innere Verbalisierung, für den Versuch einer inneren Benennung dessen also, was man gerade erlebt (hat). Dem Fernsehzuschauer jedoch bleibe diese Zeit nicht, denn er sei mit rasanten Bild/Wortabläufen, mit schnellen Kamerawechseln, mit Zooms und Montagen konfrontiert, die seinen lebensrealen Wahrnehmungsmodi zuwiderliefen. Auf der Grundlage ihrer Untersuchungsergebnisse forderte Sturm verlängerte, fernsehspezifische Pausen, eine zuschauerfreundliche Mediendramaturgie, eine generelle Verlangsamung des Fernsehens. Im Unterschied zu ausschließlich im Theoretischen bleibenden Medienanalysen, in deren Zentrum ebenfalls die Transformation unseres Zeiterlebens stehen (wie in den Schriften von Paul Virilio oder Friedrich Kittler, die von einem rein technischen Zeitverständnis ausgehen) betonte Hertha Sturm damit die Unhintergehbarkeit der Differenz von medialer und nicht-medialer Zeiterfahrung.

Literatur: Sturm, Hertha: Wahrnehmung und Fernsehen: Die fehlende Halbsekunde. Plädoyer für eine zuschauerfreundliche Mediendramaturgie. In: Media Perspektiven, 1, 1984, S. 58-65. – Dies.: Der rezipientenorientierte Ansatz in der Medienforschung. In: Publizistik 27,1-2, 1982, S. 89-97. – Dies.: Der gestreßte Zuschauer. Folgerungen für eine rezipientenorientierte Dramaturgie. Stuttgart: Klett-Cotta 2000. – Robinson, Gertrude Joch (ed.): Emotional effects of media: The work of Hertha Sturm. Montreal: McGill University 1987.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: MK


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