Lexikon der Filmbegriffe

amour fou

auch: amour fol; dt. etwa: ‚verrückte Liebe‘; engl. oft als ‚mad love‘

Literatur, Theater und bildende Kunst loten seit der Antike – zunächst noch in Gestalt tobender Götter – die Untiefen von Liebesbeziehungen aus, schildern Leidenschaften und Begierden, die jenseits überkommener Moralvorstellungen ganz sich selbst gehorchen und in ihrem Absolutheitsanspruch nichts anderes neben sich gelten lassen. Bei Cicero ist die Rede vom ‚furor amoris‘, von der Liebe und ihrer gewaltigen Kraft jenseits der Vernunft. In der neueren (Kunst-)Philosophie und vor allem in den Schriften der Surrealisten hat die amour fou mehrfach einen Sonderstatus als Existenz- und Aneignungsform zuerkannt bekommen. Für Georges Bataille etwa bestehen Leidenschaft und sexuelles Begehren gerade in der Überschreitung der Vernunft und in der Nähe zum Animalischen. So ist es kein Wunder, dass gerade die „amour fou“ als extreme Form der Liebe einerseits von Ekstase und rauschhafter Entzückung, aber auch von Hörigkeit, Unterwerfung, Selbstauslöschung und Todesnähe geprägt ist. André Brétons Roman L‘Amour fou (1937) erzählt von der Zwangsläufigkeit, mit der eine Liebesbeziehung sich ins Bedrohliche wandeln kann.
Gerade durch das Scheitern des ‚furor amoris‘ bleibt die ‚amour fou‘ absolut und wird nicht durch die Kompromisse des Alltags „entweiht“ – endet sie doch fast immer tragisch, bleibt unerfüllbar. Im Kino ist die ‚amour fou‘ von Beginn an als eines der großen romantischen Motive der Liebe immer wieder dargestellt worden. Ultimo Tango a Parigi (1972, Bernardo Bertolucci) erzählt von einem Versuch einer rein körperlichen Beziehung. Ai no borei (dt.: Im Reich der Sinne, 1978, Nagisa Oshima) erzählt von der ekstatischen Leidenschaft eines Paares, das bis zum Selbstopfer in der gemeinsamen Liebe aufgeht. Vom Verfall jeder moralischen Kontrolle in der ‚mad love‘ (vor allem mit einer ‚femme fatale‘) erzählen die verschiedenen Adaptionen des Krimi-Klassikers The Postman Always Rings Twice (1934) von James M. Cain. Das einseitige Begehren ist eine der Varianten der ‚amour fou‘ – Bunuel hat in Cet obscur objet du désir (1977) von der Verweigerung eines Hausmädchens erzählt, durch die ein vermögender Mann den Wahnsinn der Liebe und den Zustand der Erniedrigung kennenlernt; eine ähnliche Geschichte erzählt L‘École de la chair (1998, Benoît Jacquot) aus weiblicher Perspektive; auch La dentillere (1977, Claude Goretta) und L‘Histoire d‘Adèle H. (1976, François Truffaut) erzählen von einseitigen weiblichen Lieben, die in vollständigem Realitätsverlust der Heldinnen enden. Mit dem Tod des Paares enden eine ganze Reihe ‚verrückter Lieben‘ – erinnert sei an Truffauts Jules et Jim (1961), an die kulinarisch untersetzte Liebe in Tampopo (1985, Juzo Itami). Diese Beispiele sind Extremformen der dramatischen Entgegensetzung der Liebesbeziehung gegen äußere Ansprüche der Ziemlichkeit und der (politischen und moralischen) Korrektheit sowie gegen jede Form der Vernünftigkeit oder gar der Mäßigung.

Literatur: Jahraus, Oliver: Amour fou. Die Erzählung der Amour fou in Literatur, Oper, Film. Tübingen: Francke 2004.
 

Referenzen:

Folie-à-deux

Hörigkeit


Artikel zuletzt geändert am 25.06.2012


Verfasser: JH


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