Lexikon der Filmbegriffe

Tod des Autors

Roland Barthes sprach 1968 vom „Tod des Autors“ und postulierte damit eine der wichtigsten Thesen der poststrukturalistischen Text-Theorie: Die These wendet sich gegen die herkömmliche Praxis der Literaturwissenschaft, bei der Frage nach dem Sinn eines Textes in erster Linie nach der ›Autor-Intention‹ zu suchen. Die Auffassung vom Autor als kreatives, souveränes, sich selbst durchschauendes Subjekt wich so der Vorstellung vom Menschen als eines Ensembles von Strukturen, wie es Michel Foucault formulierte. Im Anschluss an die Das-Sein-bestimmt-das-Bewusstsein-Formel des Materialismus wurde der Autor nicht mehr als Subjekt freier Rede, sondern als Objekt verschiedener Diskurse gesehen, das weniger spricht, als durch jene gesprochen wird. Auch Foucault postulierte deswegen 1969 – nur in der Formulierung etwas weniger drastisch als Barthes ein Jahr zuvor – das „Verschwinden des Autors“ – er sei weder der Eigentümer seiner Texte noch für sie verantwortlich, weder ihr Produzent noch ihr Erfinder.
Barthes führte eine Kritik fort, die kurz zuvor bereits von Julia Kristeva aufgebracht worden war. Sie erklärte den Autor zu einem bloßen Schnittpunkt von Diskursen. Der Autor wird entmachtet, das Schöpferische ist nicht mehr dem souveränen Subjekt zugeordnet, es mutiert zu einem Repetitor fremder Rede. Aus dem Verweis- und Zitatcharakter seiner Texte schlossen Kristeva und Barthes auf die in der Theorie aufzukündigende Funktion des Autors – Barthes ersetzte den ‚Auteur-Dieu‘ durch den ‚écrivain‘ als bloßen Verknüpfer von Zitaten; bei Kristeva erschien der Autor nurmehr als die ‚Verknüpfung‘ der sinnfähigen Elemente selbst. Dem passiven Autor wurde konsequenterweise der aktive ‚Text‘ gegenübergestellt. Dieser sei nicht als ein Ergebnis der Tätigkeit eines Autors, sondern selbst als eine Tätigkeit zu verstehen. Nicht der Autor produziere den Text, sondern der Text bringe sich selbst hervor – als Wiederholung und Variierung anderer Texte. Der Autor ist so nicht die primäre Sinn-Instanz eines künstlerischen Textes, da der Text ein Eigenleben führt. Die vermeintliche Autor-Intention bildet nur eine von vielen gleichermaßen legitimen Lesarten des Textes. Daher geht der ‚Tod des Autors‘ mit der ‚Geburt des Lesers‘ und einer neuen Begründung der Rezeptionsästhetik einher.
In der Filmtheorie spielte die Diskussion um den Rang des Autors keine große Rolle – drängen sich doch gerade bei populären Produktionen des Kinos ideologiekritische, diskurstheoretische und rezeptionsbezogene Untersuchungsmethoden auf; gleichwohl ist der Autorenzugang nach wie vor einer der mächtigsten Methodenzweige der Filmwissenschaft geblieben.

Literatur: Barthes, Roland: La mort de l’auteur [1968]. Wiederabgedr. in: Oeuvres complètes. Tome II: 1966-1973. Paris: Seuil 1994, S. 491-495. Engl. als „The Death of the Author“ in: Image – Music – Text. London 1968, 142-148. Dt. als: „Der Tod des Autors“ in: Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam 2000, S. 185-197. - Kristeva, Julia: Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman [1967]. Als: „Le mot, le dialogue et le roman“ wiederabgedr. in: Semiotiké. Recherches pour une sémanalyse. Paris: Seuil 1978, S. 82-112. – Foucault, Michel: Qu'est-ce qu'un auteur? [1969]. Mit späteren Varianten u. Erg. wiederabgedr. in: Dits et écrits 1954-1988. Tome I: 1954-1969. Paris: Gallimard 1994, S. 789-821. Dt. als „Was ist ein Autor?“ in: Schriften zur Literatur. Frankfurt: Fischer 1988, 7-31. Repr. in: : Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart: Reclam 2000, S.198-229.


Artikel zuletzt geändert am 23.07.2011


Verfasser: HJW


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