Lexikon der Filmbegriffe

Film-Fernseh-Koproduktion

Mit der ‚Film-Fernseh-Kooperation‘ sind Filme gemeint, die von vornherein sowohl für das Kino als auch für das Fernsehen produziert werden und bei denen sowohl ein Fernsehsender als auch ein Filmproduzent als Koproduzenten agieren. Ausgangspunkt in der Bundesrepublik Deutschland ist die Kinokrise Ende der 1950er Jahre und der Programmbedarf des sich seit dieser Zeit rasant ausbreitenden Mediums Fernsehen. Die neu gegründete Ufa produzierte im Auftrag der ARD 1957/58 sechs Filme, die im Fernsehen gezeigt wurden und danach, jeweils zu zweit miteinander verkoppelt, im Kino gezeigt werden sollten. In den 1960er und frühen 1970er Jahren kam es zu zahlreichen Koppelungen von Kino und Fernsehen, weil das Fernsehen Filme der Autorenfilmer auf diese Art und Weise mit- und gelegentlich sogar vollständig finanzierte. Prominente Beispiele sind die Filme Handkes/Wenders – Falsche Bewegung (1976) – und Sinkels/Brustellins – Die Interessen der Bank können nicht die Interessen von Lina Braake sein (1976) –, die vom WDR-Fernsehspiel vollständig finanziert und dann von der Öffentlichkeit als reine Kinofilme wahrgenommen wurden.
Hintergrund war eine Kooperation zwischen den Fernsehanstalten und der Filmwirtschaft, die 1974 in einen Vertrag, das Film-Fernseh-Abkommen, mündete. Weil sich die Kinobesitzer darüber aufregten, dass sie von den Eintrittsgeldern eine Abgabe zur Förderung des deutschen Films an die Filmförderungsanstalt zahlen sollten und das Fernsehen mit seiner wachsenden Zahl ausgestrahlten Kinospielfilme ungeschoren bleiben sollte, hatten ARD und ZDF sich vertraglich festgelegt, jährlich mehrere Millionen DM in die Filmförderung zu stecken und wurden dafür an der Auswahl der zu fördernden Filmprojekte beteiligt. Die entstehenden Filme wurden dann zunächst zwei bis anderthalb Jahre in den Kinos ausgewertet und danach auf Fernsehspiel-Sendeplätzen im Fernsehen gezeigt. Günther Rohrbach, Leiter des WDR-Fernsehspiels und späterer Bavaria-Direktor, nannte diese Filme „amphibische Filme“, weil sich diese Filme in beiden Medien in gleicher Weise bewegen können sollten.
Auch wenn es vor allem Ende 1970 Jahre (anlässlich der ersten Verlängerung des Film-Fernseh-Abkommens) zu heftiger Kritik (vor allem von Hans C. Blumenberg und Alf Meyer) an den Film-Fernseh-Koproduktionen kommen sollte, wurde das Film-Fernseh-Abkommen immer wieder verlängert. Der Erfolg des Neuen deutschen Films ist nur auf dieser ökonomischen Basis zustande gekommen. Auch heute sind ca. 70-80% aller neu produzierten deutschen Kinospielfilme Film-Fernseh-Koproduktionen. Für die Verlängerung des Film-Fernsehabkommens, dem seit den 1990er Jahren auch einige privatrechtliche Programmanbieter beigetreten sind, haben sich die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Anstalten bereit erklärt, ihren Anteil um jährlich 11,2 Mio. Euro zu erhöhen. Auch die privatrechtlichen Anbieter wollen ihren Beitrag steigern. Im Gegenzug erhalten sie dafür bei den von ihnen geförderten Filmen die Fernsehrechte. 

Literatur: Blaney, Martin: Symbiosis or confrontation? The relationship between the film industry and television in the Federal Republic of Germany from 1950 to 1985. Berlin: Ed. Sigma 1992. – Blaney, Martin: The Development of Film/Television Relations in the Federal Republic of Germany: A Bibliography. In: Film Theory 21-23, 1988, S. 9-130. – Hickethier, Knut: Die Zugewinngemeinschaft. Zum Verhältnis von Film und Fernsehen in den sechziger und siebziger Jahren. In: Abschied von Gestern. Bundesdeutscher Film der sechziger und siebziger Jahre. Hrsg. v. Hilmar Hoffmann u. Walter Schobert. Frankfurt: Deutsches Filmmuseum 1991, S. 190-211.
 

Referenzen:

Film-Fernseh-Abkommen

Koproduktion


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: KH


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