Lexikon der Filmbegriffe

bienséance

frz. = Wohlanständigkeit

Der Begriff der bienséance entstammt der doctrine classique (etwa: „klassische Kunstlehre“) der französischen Dramatik des 17. Jahrhunderts, wie sie beispielhaft in Nicolas Boileaus Werk Art poétique (1674) versammelt ist. Die Regeln dieser normativen Dramatik sind aus den antiken Dichtungsregeln entwickelt. Vorgeschrieben ist die Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Die dargestellte Handlung hat sich dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit zu unterwerfen (vraisemblance). Sie soll der Natur nachgebildet werden, worunter allerdings eine von allem Hässlichen und Unedlen gereinigte und somit stilisierte Natur zu verstehen ist. Auch die Sprache ist der Forderung nach „gutem Stil“ (bon usage) unterworfen, Gossensprache oder sogar die Sprache der niederen Stände gilt es zu vermeiden. Schließlich soll das Geschehen dem folgen, was in der höfischen Gesellschaft als schicklich galt (bienséance). Hinter all dem stand die Wirkungsvorstellung, dass Vergnügen am Dargestellten und Rührung über die miterlebten Schicksale eine sittliche Besserung des Zuschauers bewirkten und dass das Theater so eine Schule der Rechtschaffenheit und Anständigkeit (honnêteté) sein könnte. Eine derartig restriktive Regelpoetik – die zudem dem politischen Kalkül folgt, alle möglichen Konflikte, sozialen Widersprüche oder oppositionellen Impulse aus der Realität des Theaters herauszuhalten und sie dadurch aus dem Bewusstsein von Zuschauern zu tilgen – fördert allerdings Gegenbewegungen, die die Regeln verletzen, die gesetzten Grenzen überschreiten, oppositionelle Formen entwickeln.
Derartige Tendenzen, fiktionales Geschehen der Kontrolle durch einen Kalkül der Schicklichkeit zu unterwerfen, finden sich heute nicht mehr als explizit gefasste Regelpoetiken, auch wenn der Hays-Code ein Versuch war, das Nicht-Schickliche aus dem Hollywood-Kino zu verbannen. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Genres, die von sich aus die dargestellte Welt schönen und um Konflikte bereinigen. Die Annahme der political correctness geht sogar so weit, der Medienproduktion eine freiwillige Unterwerfung unter das Diktat dessen zu betreiben, was als konform, zulässig und zumutbar gilt und alle wirkliche Kritik, sei sie politischer oder ästhetischer Natur, auszugliedern oder auszuschließen.

Literatur: Nies, Fritz (Hrsg.): Französische Klassik. Theorie. Literatur. Malerei. München: Fink 1985 (Romanistisches Kolloquium. 3.). – Bray, René: La formation de la doctrine classique en France. Paris: Nizet 1983.

Referenzen:

Doctrine classique

Hays-Code: Gründung

Hays-Code: Praxis und Ende

Political Correctness

Production Code


Artikel zuletzt geändert am 13.01.2012


Verfasser: HJW


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