Lexikon der Filmbegriffe

Kriegsfilm

Sammelbegriff für eines der ältesten Genres, das als dokumentarische Kriegsberichterstattung entstand, dem aber bereits um 1900 große Fiktionswürdigkeit zugeschrieben wurde: Sei es, dass ein Krieg die Handlung selbst ist, sei es, dass er den situativen Kontext bildet, der Handlung und Dramaturgie nachhaltig beeinflusst (als Drama, Romanze oder auch als Kriegsgefangenen- oder -heimkehrerfilm). Auch wenn Kriege schon immer geführt wurden, bezieht sich der Begriff in der Regel auf Filme, die so genannt „moderne“, seit dem 19. Jahrhundert geführte Kriege thematisieren. Die politischideologische Haltung, die in Kriegsfilmen zum Ausdruck kommt, kann von Pazifismus über Widerstand bis hin zu massiver Propaganda reichen; davon abhängig ist der jeweils vermittelte Grad an Kriegsbegeisterung respektive -ablehnung. Die wichtigsten Kriegsfilme sind eigentlich Anti-Kriegsfilme, die von der Sinnlosigkeit des Geschehens, von individueller Verzweiflung oder Verstümmelung, vom Verlust der kulturellen Orientierungen und ähnlichem erzählen (man denke an All Quiet on the Western Front, 1930, Die Brücke, 1959, oder Westfront 18, 1930).
Mehrere stereotyp ablaufende Geschichten tauchen immer wieder auf, bilden den konventionellen Kern des Genres: (1) Krieg als Rettung vor bösen Feinden - Geschichten dieses Typs sind eindeutig perspektiviert und vertreten klare Vorstellungen davon, wer gut und wer böse und wer Bedroher oder Aggressor ist. Ein Beispiel ist der Vietnam-Propagandafilm The Green Berets (1969), der keinen Zweifel an der Bösartigkeit der Vietkong und an der Legitimität der amerikanischen Intervention lässt. (2) Böser Krieg und gute Soldaten – meist geht es hier um die Darstellung und Rechtfertigung der Taten einzelner, die als grundsätzliche Opfer in den Krieg ziehen, den sie selbst nicht beeinflussen können. Auch unter extremen Bedingungen gilt auch im Krieg die gegenseitige Forderung nach Ritterlichkeit. (3) Krieg als Feld der Bewährung – die Extremsituationen des Krieges offenbaren den wahren Charakter eines Soldaten, sie helfen dabei, Tugenden wie Loyalität, unbedingte Freundschaft, Einsatz und Sorgetragen für andere auszubilden und zu erproben; insofern hat der Krieg den Charakter einer „Sozialisationsinstanz“; als typischer Film dieser Gruppe gilt The Dirty Dozen (1967, Robert Aldrich), in dem eine Gruppe Krimineller unter extremen Ausbildungsbedingungen sozialisiert und zivilisiert wird, um am Ende in einer militärischen Aktion fast aufgerieben zu werden. (4) Krieg als Schicksalsschlag – eine für den deutschen Nachkriegsfilm sehr verbreitete Spielart. Der einzelne hat den Krieg nicht zu verantworten, jener kommt über die Menschen wie eine Naturgewalt. Die eigenen Leute haben unter dem Krieg genauso zu leiden wie die Gegner, Verantwortung für oder Schuld am Gesamtgeschehen kann nicht festgemacht werden.
In allen diesen Motivkreisen geht es fast ausschließlich um die Auslotung männlicher Tugenden – befördert sicherlich dadurch, dass das Militär eine männliche Veranstaltung ist, aber wohl auch durch die semantische Opposition der Werte des Weiblichen zum Komplex des Krieges.
Der Kriegsfilm ist ästhetisch oft ambivalent, weil er das Kriegsgeschehen als ästhetische Attraktion inszeniert, auch wenn er den Krieg selbst als moralisch verwerflich angreift – ein berühmtes Beispiel ist die Hubschrauberattacke in Apocalypse Now.

Literatur: Butler, Ivan: The War Film. South Brunswick, New York: A.S. Barnes 1974. – Curley, Stephen J. / Frank J. Wetta: Celluloid Wars. A Guide to Film and the American Experience of War. New York/Westport/London: Greenwood Press 1992. – Kagan, Norman: The War Film. New York: Pyramid 1974. – Kester, Bernadette: Film Front Weimar: Representations of the First World War in German Films of the Weimar Period (1919-1933). Amsterdam: Amsterdam University Press 2003. – Rollins, Peter C. / O'Connor, John E. (eds.): Hollywood's World War I: Motion Picture Images. Bowling Green: Bowling Green State University Popular Press 1997.

Referenzen:

Amerikanischer Bürgerkrieg

Antikriegsfilm

Combat movie

court-martial drama

Golfkrieg

Kriegsdrama

Kriegsgefangenen-Film

Kriegsromanze

Militainment

Militärklamotte

Pazifismus im Film

Söldnerfilm / Söldner im Film

spanischer Bürgerkrieg

Veteranenfilm

Vietnamfilm

war drama

warnography


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HHM PB


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