Lexikon der Filmbegriffe

caméra provocateur

Das Ziel der Filme des cinéma vérité ist es, die Konflikte zu protokollieren, die durch das Vorhandensein von Kamera und Interviewer hervorgerufen werden. Insofern ist Cinéma Vérité ein „Forschungsprozess“ (Morin), und der Film wird zu einer „Film-Enquête“, einer „Film-Untersuchung“. Der Kamera kommt entsprechend ein Charakter als provocateur zu – sie provoziert die Prozesse, die sie aufzeichnet. Andererseits wird vom Kameramann verlangt, dass er das vorfilmische Geschehen tatsächlich versteht, so dass er sich darauf einlassen kann, damit eine „Wahrheit“ zu Tage treten kann, die unter dem Sichtbaren verborgen liegt. Um sie zu provozieren, bedient sich Rouch in Chronique d‘un èté (1961) psychodramatischer Techniken, vor allem der Improvisation im Rollenspiel, in der der Akteur sich enthüllen und seine Wahrheit als Subjekt zum Vorschein bringen kann.
So, wie sich die filmische Wahrheit über das Vorfilmische erst einstellen kann, wenn man die Kamera bewusst und vorsätzlich in die filmische Realität eingeführt hat, so verwandelt sich auch der Filmemacher. Ciné-Trance bezeichnet einen Zustand, in dem Filmemacher und technisches Gerät eine Symbiose der Beobachtung bilden, so dass man z.B. ein Interview führen kann, in dem der Befragte sich an den Fragenden und die Kamera gleichermaßen wendet. Die ciné-trance ist die Bedingung, sich filmend an eine Wahrheit anzunähern, die intuitiv erfasst und dokumentiert wird und nicht aus einer rationalen Analyse des Vorfilmischen resultiert. Ciné-Trance ist ein ähnliches Konzept wie die Ecriture automatique der Surrealisten und bezeichnet eine intuitive Einfühlung des Filmemachers auf Bedeutungs- und Sinn-Strukturen des Vorfilmischen (und dabei natürlich eine Ausklammerung der Befangenheiten und der Vor-Urteile, die der Filmemacher mitbringt).


Artikel zuletzt geändert am 02.08.2011


Verfasser: HJW


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