Lexikon der Filmbegriffe

film blanc

selten auch: white film, white fantasy

Die Bezeichnung film blanc wurde 1975 in einem Artikel in der Film Comment als Gegenbegriff zum film noir geprägt: Er bezeichnet Filme, die die Welt als besser ausgeben, als sie Menschen oft erscheint. Darum sind sie oft aus der Perspektive von Toten aus dem Jenseits erzählt, die – im Angesicht Petrus‘ oder des Herrn das eigene Leben noch einmal Revue passieren lassen, die Bedenkzeiten erbitten, um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und ähnliches mehr. Der film blanc hatte seine erste Blütezeit nach dem Zweiten Weltkrieg – die meisten der Filme waren milde sentimentale Komödien, hatten eine manchmal penetrant versöhnliche Grundhaltung. Die beiden bekanntesten Filme dieser Phase: In Lubitschs Heaven Can Wait (1943) begehrt ein 70jähriger freiwillig Einlass in die Hölle - und wird am Ende, nach Abwägung der Sünden und Tugenden, in den Himmel verwiesen. In Capras It‘s a Wonderful Life (1946) hilft ein Engel dem Helden, durch alle Gefährdungen und Frustrationen des Lebens hindurch ein aufrechter Mann zu bleiben. Himmel und Hölle als jenseitige Manifestationen einer moralischen Bewertung von Handlungen und Figuren gehören zu diesen, einem naiven christlichen Weltbild zutiefst verhafteten Filmen dazu – und darum verwundert es nicht, dass Engel in das Erdengeschehen eingreifen (wie in Heaven Can Wait, 1978), dass Figuren eine Restzeit auf Erden verbringen dürfen, um ihren Partner zu schützen oder eigene Schuld zu verhindern (man denke an Spielbergs Always, 1989, in dem der tote Held eine Filmhälfte lang als Geist die Geliebte zu schützen sucht), dass sie eine Bewährungszeit bekommen, in der sie eine moralische oder sentimentalische Tugend nachweisen können (wie in Switch, 1991, in dem ein machistischer Mann im Körper einer Frau einen Partner finden muss, der ihm seine Liebe bekennt). Alle diese Filme fußen auf einem moralischen Kalkül, suchen poetische Gerechtigkeit gegen alle Realistik herzustellen oder Figuren zu erproben und ihre Handlungen zu bewerten – mit Blick auf die „moralische Biographie“ jedes einzelnen.

Literatur: de Lange, Dirk: White Fantasy. In: Hyppolyta, 12, Juni 1999; online: http://www.drosi.de/hyppolyta/hy_mov_history_white_fantasy.htm. –  Johnson, William: Enigma variations. In: Film Comment 33, Nov./Dec. 1997, S. 70‑73. – Valenti, Peter: The “Film Blanc”: Suggestions for a Variety of Fantasy, 1940‑45. In: Journal of Popular Film 6,4, 1978, S. 294‑304.


Artikel zuletzt geändert am 20.12.2012


Verfasser: HJW


Zurück