Lexikon der Filmbegriffe

gaze / male gaze

Das psychoanalytische Konzept gaze als „aktiv-männlicher, kontrollierender und neugieriger Blick“ innerhalb einer feministisch ausgerichteten Filmtheorie geht auf einen Vortrag Laura Mulveys in französischer Sprache aus dem Jahre 1973 zurück, der zuerst 1975 auf Englisch erschien und seitdem in einer Vielzahl von Nachdrucken und Übersetzungen zugänglich ist. In diesem Text beschäftigt sich die Autorin unter Rückgriff auf Freuds Sexualtheorie mit der bei Männern und Frauen unterschiedlich zu definierenden Lust am Schauen (Skopophilie) „in der konventionellen Kinosituation“ und ihren Beziehungen zum Sexualtrieb sowie zur Ich-Libido. Dabei definiert sie den unterschiedlichen Blick von Mann und Frau wie folgt: „In einer Welt, die von sexueller Ungleichheit bestimmt ist, wird die Lust am Schauen in aktiv/männlich und passiv/weiblich geteilt. Der bestimmende männliche Blick [= gaze] projiziert seine Phantasie auf die weibliche Gestalt, die dementsprechend geformt wird. In der Frauen zugeschriebenen Rolle als sexuelles Objekt werden sie gleichzeitig angesehen und zur Schau gestellt, ihre Erscheinung ist auf starke visuelle und erotische Ausstrahlung zugeschnitten, man könnte sagen, sie konnotieren ‚Angesehen-werden-Wollen‘.“ Diese These versucht Mulvey anhand der Struktur klassischer Hollywood-Filme zu belegen. Zudem geht sie davon aus, dass im Kino dargestellte Frauen auch als Signifikant der Kastrationsdrohung fungieren. Letztlich ist es diese Funktion, die dem unbeschwerten Vergnügen des männlichen Blicks (potentiell) im Wege steht.
Mulveys Artikel hat bis heute eine Vielzahl von Büchern und Aufsätzen zum Thema gaze inspiriert. Er war aber auch von Anfang an umfangreicher Kritik ausgesetzt. Hierzu gehört etwa der Vorwurf, dass ihre Theorie die Möglichkeit eines weiblichen Blicks ebenso ausblende, wie die Option Filme gleichsam gegen den Strich zu lesen (vgl. u.a. Kaplan 1983). Außerdem wurde darauf verwiesen, dass Männer keineswegs stets den Blick kontrollieren, sondern im Mainstream-Kino Hollywoods insbesondere seit den 1980er Jahren auch eine (sexualisierte) Darstellung des männlichen Körpers zu beobachten ist (Neale 1983/ 1993). Ferner bleibt festzuhalten, dass Mulvey keine empirische Studie tatsächlicher Zuschauer, etwa im Sinne eines ethnographischen Ansatzes der Rezeptionsforschung, vorgenommen hat (Mayne 1993). 

Literatur: Mulvey, Laura: Visual pleasure and narrative cinema. In: Screen 16,3, 1975, S. 6-18; seitenidentisch auch unter http://www.bbk.ac.uk/hafvm/staff_research/visual1.html [mehrfach nachgedruckt, zuletzt in: The feminism and visual culture reader. Ed. by Amelia Jones, London: Routledge 2003, S. 44-52]; dt.: Visuelle Lust und narratives Kino. In: Texte zur Theorie des Films. Hrsg. v. Franz-Josef Albersmeier. Stuttgart: Reclam, 4. Aufl. 2001, S. 389-408 [u.a]. – Kaplan, E. Ann: Women and Film: Both Sides of the Camera. New York: Methuen 1983. – Mayne, Judith: Cinema and Spectatorship. London: Routledge 1993. – Mulvey, Laura: Visual and Other Pleasures. Bloomington: Indiana University Press 1989. - Neale, Steve: Masculinity as Spectacle. In: Cohan, Steven & Hark, Ina Rae (Hg.): Screening the male. Exploring masculinities in Hollywood Cinema. London. New York: Routledge 1993, S. 9-20. Zuerst in Screen 24,6, 1983. Zahlr. Nachdr.
 

Referenzen:

Blick

gaze

Voyeur / Voyeurismus


Artikel zuletzt geändert am 25.01.2012


Verfasser: LK AJS


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