Lexikon der Filmbegriffe

Schurke

engl.: villain; von altfrz. Villein, spät-lat. villanus; ursprünglich ein Diener oder Arbeiter; im engl. Populärtheater des 19. Jahrhunderts, aber auch noch in der Stummfilmzeit oft auch: heavy, heavy lead, als Bezeichnung des Schauspielers, der in Melodramen den Schurken spielt

Der „Schurke“ ist in fiktionaler populärer Literatur und Film oft der Gegenspieler des Helden – von Grund auf böse, intrigant, sich an den Schäden erfreuend, die er verursacht. Er steht im Zentrum des moralischen und narrativen Konfliktes, und seine Charakterisierung ist oft wichtiger als die der Guten. Um den Konflikt zu verschärfen, ist die dramatische Rolle oft psychologisch ausgeführt – der Schurke verfolgt nicht nur eigennützige und niederträchtige Ziele, sondern er empfindet dabei auch höchste Lust (deshalb sind Szenen, in denen der Schurke sich seiner Erfolge freut, so wichtig und finden sich in nahezu allen derartigen Geschichten). Moralische Indifferenz und Perversität des Charakters gehen Hand in Hand. Ähnlich wie Superhelden sind auch Schurken oft in mehreren Folgen der Geschichte dargestellt worden (das bekannteste Beispiel aus neuerer Filmproduktion ist die Figur des Dr. Hannibal Lecter aus Manhunter, aka: Red Dragon: The Pursuit of Hannibal Lecter, 1986, Silence of the Lambs, 1991, und Hannibal, 2001; erinnert sei aber an ältere Schurken-Gestalten wie Dr. Fu Man Chu oder auch Lady de Winter aus Dumas‘ ‚Drei Musketieren‘). Gerade in der Trivialliteratur sind Schurken durch zahlreiche Stereotypen gekennzeichnet – schwarze Kleidung, die oft formal korrekt ist, tiefsitzender Haaransatz, finsterer Gesichtsausdruck, verbunden mit hämischem oder diabolischem Lachen, gelegentliche Narben oder Entstellungen, Neigung zum Sadismus.
Für den Zuschauer ist der Schurke die oft interessantere Figur – und die Ambivalenz seiner empathischen Beziehungen scheinen auf die Bedeutung einer imaginären moralischen Grenzüberschreitung im Kino zu verweisen. Darin ähnelt der Schurke dem Gangster, der – außerhalb aller gesellschaftlichen Normen – durch das Verbrechen zur (meist vorübergehenden) Erfüllung der Wünsche nach materiellem Reichtum, Sexualität und individueller Freizügigkeit gelangt.

Literatur: Dimmler, Klaus (Hrsg.): Die größten Schurken der Filmgeschichte. Von Dr. Mabuse bis Hannibal Lecter. Leipzig: Reclam, 2000. – Gillis, Stacy: The devil himself. Villainy in detective fiction and film. Westport, Conn.: Greenwood Press 2002 (Contributions to the study of popular culture. 73.). – John, Juliet: Dickens’s villains: melodrama, character, popular culture. Oxford [...]: Oxford University Press 2003.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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