Lexikon der Filmbegriffe

große Szene

Die „große Szene“ war im Theater des 19. Jahrhunderts das Kernstück unzähliger Theaterstücke und ein Publikumsmagnet ersten Ranges. Oft ein Höhepunkt der emotionalen Erregung des Dramas, wurde von den (weiblichen) Darstellern erwartet, dass sie in unmäßigem Zorn außer sich gerieten. Die Darstellung weiblichen Furors gerät seit der französischen Revolution ins Zentrum eines melodramatischen Theaters – die Position von Ohnmacht und Exaltation und der daraus resultierende Furor waren Anachronismen geworden, wurden im 19. Jahrhundert fast immer weiblich besetzt und damit an ein Geschlecht delegiert, dessen Ohnmacht offenkundig war. Die Medizinalisierung weiblicher Verhaltensformen unter dem Vorzeichen des Hysteriebegriffes, wie er durch Jean Martin Charcot in unzähligen Bildern verzerrter weiblicher Mimik und Körperhaltung dokumentiert wurde, hat das Theater und die Akteurinnen tief beeinflusst. Die emotional zentrale Szene als affektiv aufgeladene Auseinandersetzung zwischen den Handelnden und als Gelegenheit für einzelne, bislang nur latent vorhandene oder verdrängte Tiefenschichten des Charakters auszuspielen, findet sich bis heute im Theater und im Kino (man denke an manche Filme mit Elizabeth Taylor sowie die Adaptionen von Theaterstücken vor allem des 19. Jahrhunderts).

Literatur: Vogel, Juliane: Die Furie und das Gesetz. Zur Dramaturgie der "großen Szene" in der Tragödie des 19. Jahrhunderts. Freiburg /B.: Rombach 2002 (Rombach Wissenschaften. Reihe Litterae. 94).


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: JH


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