Lexikon der Filmbegriffe

Kinetik / kinetische Kunst

von griech. ‚sich bewegen‘; eng verwandt mit: Op Art

Aus dem Konstruktivismus der 1950er Jahre entstand eine Auffassung des Kunstwerks als gestalteter Vorgang. Resultat sind Objekte, die sich bewegen oder bewegen lassen. Die Kinetik versucht, die traditionelle Statik der bildenden Kunst zu überwinden. Sie reagiert auf die praktischen, visuellen und theoretischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts - die Erfahrungen von Dynamik, Veränderung, Mobilisierung, die Rhythmik der Maschinen, die Produktionsabläufe des Fließbandes und dergleichen mehr. Kennzeichnend ist, dass der künstlerische Schaffensprozess oft auf wissenschaftlichen Erwägungen fußt und eine Organisierung, Verwissenschaftlichung und Objektivierung des visuellen Erlebens angestrebt wird.
Vorstufen der kinetischen Kunst finden sich in den Licht- oder Farbklavieren seit dem 18. Jahrhundert, in den futuristischen Versuchen der Prozeß- und Bewegungsdarstellung, in den Farblichtballetten von New York (bis 1918), in Hans L. Stoltenbergs Idee von 1911, „Blankfilm verschieden lang und verschieden bunt einzufärben und damit auf der Leinwand einen künstlerischen Wechsel und Wandel jeweils einer Buntfarbe“ zu zeigen, in den Studien und Arrangements von Marcel Duchamps, Man Ray und besonders Ludwig Moholy-Nagy, der um 1930 eine Licht-Maschine entwickelte. Seit den 1950er Jahren haben weltweit eine ganze Reihe von Gruppen die kinetische Kunst weiterzuentwickeln versucht. Von Beginn des 20. Jahrhunderts an spielte der Film in der Kinetik eine wichtige Rolle. Oft unterscheidet man drei Arten kinetischer Filme: (1) Abstrakte und geometrische Op-Art-Filme, meist Animationsfilme (in der Art der Filme Hans Richters oder Viking Eggelings); (2) Filme, in denen etwas Gefilmtes eine Scheinbewegung oder Augentäuschung hervorruft (wie in Filmen Duchamps‘ oder Michael Snows); (3) Flickerfilme sowie Filme, in denen durch Kurzmontage die Elementaria der Bewegtbildwahrnehmung im Kino thematisiert werden (wie in den Beiträgen von Peter Kubelka, Kurt Kren oder des Ehepaars Hein). 

Literatur: Scheugl, Hans / Schmidt, Ernst, jr.: Kinetik / Kinetische Schaukunst. In ihrem: Eine Subgeschichte des Films. Lexikon des Avantgarde-, Experimental- und Undergroundfilms. 1. Frankfurt: Suhrkamp 1974, S. 403-488. – Buderer, Hans-Jürgen: Kinetische Kunst. Konzeptionen von Bewegung und Raum. Worms: Werner 1992. – Popper, Frank: Die kinetische Kunst. Licht und Bewegung, Umweltkunst und Aktion. Köln: DuMont Schauberg 1975.


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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