Lexikon der Filmbegriffe

point-of-view-Shot

als Kurzform oft: POV-Shot

Einstellung, die die subjektive Sicht einer Figur denotiert. Nach Edward Branigans klassischer Definition wird in einer ersten, vorbereitenden Einstellung ein Beobachtungspunkt etabliert, indem eine Figur gezeigt wird, die ihren Blick (glance) auf etwas außerhalb des Kaders richtet. In der nächsten Einstellung befindet sich die Kamera an der Stelle dieser Figur und zeigt, worauf der Blick gerichtet war. Zwischen beiden Einstellungen muss zeitliche und räumliche Kontinuität bestehen, und die Figur muss als „bei Bewusstsein“ verstanden werden, damit der Eindruck einer subjektiven Sichtweise gewährleistet ist. (Die dritte Einstellung einer klassischen Blickmontage, der Rückschnitt auf die sehende Figur – reaction shot – ist bei Branigan für die Bestimmung des POV-Shots nichts wichtig.)
Tatsächlich zeigt die filmische Praxis, dass die Verwendungsmöglichkeiten des Point-of-View-Shots erheblich freier sind: Die Reihenfolge der beiden Einstellungen kann vertauscht werden (was zur Spannungssteigerung äußerst effektiv sein kann); die erste Einstellung kann sogar ganz entfallen, solange anderweitige formale und/oder inhaltliche Signale für ‚Subjektivität‘ gegeben werden, z.B. durch eine wackelnde Kamera oder durch die Zielgerichtetheit einer Bewegung (etwa: „Heranschleichen an ein Opfer“). Und selbst eines „Bewusstseins“ des beobachtenden Subjekts bedarf es nicht unbedingt, seit einiger Zeit grassiert die Mode, Einstellungen „aus der Sicht“ unbelebter Objekte zu zeigen; ein bekanntes Beispiel ist der „Blick aus dem Kofferraum“ in „Pulp Fiction“.

Literatur: Branigan, Edward (1975) Formal permutations of the point of view shot. In: Screen 16,3, 1975, pp. 54-64. – Branigan, Edward R. : Point of View in the Cinema. A Theory of Narration and Subjectivity. New York: Mouton 1984, Kap. 5. – Dagrada, Elena: The diegetic look. Pragmatics of the POV shot. In: Iris 4,2 [=7], 1986, S. 111-124. – Möller, Karl-Dietmar: Diagrammatische Syntagmen und einfache Formen. In: Untersuchungen zur Syntax des Films. 1. Münster: MAkS Publikationen 1978, S. 69-117 (Papiere des Münsteraner Arbeitskreises für Semiotik. 8.).

Referenzen:

subjektive Kamera


Artikel zuletzt geändert am 25.07.2011


Verfasser: MAL


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