Lexikon der Filmbegriffe

policier

von frz. police; auch: film policier

Policier
ist eine umfassende Bezeichnung für Kriminalfilme französischer Herkunft, gleichgültig, ob die Polizei auftritt oder nicht. Dass Gangster- und Polizeifilme, Thriller und Caper-Filme gleichermaßen zum Genre gehören, das sogar phantastische Varianten umschließt, wird oft auf die französische Tradition der Kriminalliteratur zurückgeführt (auf die Romane Eugène Sues, Victor Hugos und Emile Zolas; sodann auf Marcel Allain und Pierre Souvestre, die die Figur des Fantômas erfanden, Maurice Leblanc, den Erfinder von Arsène Lupin, und Georges Simenon und seine Erfindung Maigret). Außerdem wurde in der Série noire schon früh die angloamerikanische Kriminalliteratur zugänglich.
Die literarische Popularität des policier wurde schon früh ins Kino übertragen. Louis Feuillades Fantômas-Serial (1913-14) sowie Les Vampires (1915-16) knüpften ebenso an die literarische Verbreitung der Vorbilder an wie die Simenon-Verfilmungen La Nuit de Carrefour (1932), Pierre Chenals Le dernier Tournant (1939), die Erstadaption des Cain-Romans ‚The Postman Always Rings Twice‘, oder Julien Duviviers Pépé le Moko (1937), dessen melodramatische Verbrechergeschichte für das Kino geschrieben wurde. Nach dem Krieg knüpften Regisseure wie Henri-Georges Clouzot an die Stiltendenzen des amerikanischen Film noir an. Mitte der 1950er Jahre formulierten Jacques Beckers Touchez pas au Grisbi (1954), Jules Dassins Du Rififi chez les Hommes (1955) und Jean-Pierre Melvilles Bob le Flambeur (1956) das Thema des melancholischen Verbrechers, dessen Scheitern geradezu essentielle Intensität annimmt, neu. Die Gangstertypen, deren Einsamkeit und Stolz, deren Verletzlichkeit und Professionalität vor allem Melville in seinen Filmen ausstellte (Le Doulos, 1963; Le Samourai, 1967; Le Cercle rouge, 1970), heben den oft lakonischen, zögernden, am Ende aber konsequent handelnden Verbrecher-Helden als eine suchende Figur, die zwischen Solidarität und Einsamkeit laviert, vom bürgerlichen Hintergrund der Welt ab. Schauspieler wie Jean Gabin, Alain Delon, Lino Ventura, Serge Reggiani gaben diesen Typen Gesicht. Der film policier nahm am Ende der 1960er Jahre auch politische Themen in Angriff – die Arbeit der Résistance in Melvilles L‘Armée des Ombres (1969) oder der Stadtguerilla in Costa-Gavras‘ Etat de Siège (1973), das politische Attentat wie in I comme Icare (1979, Henri Verneuil) oder den Neofaschismus wie in Le Juge Fayard dit ‚Le Sherif‘ (1976, Yves Boisset). Bis heute wird das Genre von Autoren wie Maurice Pialat, Bertrand Tavernier und Claude Chabrol weiter ausgearbeitet, gelegentlich an den Grenzen solcher Stile wie dem cinéma du look (Subway, 1985, Luc Besson).

Literatur: Gerhold, Hans: Kino der Blicke. Der französische Kriminalfilm. Frankfurt: Fischer 1989. – Guérif, François: Le cinéma policier français. Paris: Veyrier 1981. – Philippe, Olivier: Le film policier français contemporain. Paris: Éd. du Cerf 1996. – Vincendeau, Ginette: France 1945-65 and Hollywood: the policier as inter-national text. In: Screen 33,1, 1992, S. 50-79. – Spehner, Norbert / Allard, Yvon: Écrits sur le roman policier. Bibliographie analytique et critique des études & essais sur le roman et le film policiers. Longueuil: Le Préambule 1990.


Artikel zuletzt geändert am 26.07.2011


Verfasser: HJW


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