Lexikon der Filmbegriffe

uncontrolled cinema

„Uncontrolled cinema“ war eine Bezeichnung, die aus einer Polemik Richard Leacocks gegen das cinéma vérité Jean Rouchs entstammte. Zeichne Rouch nach Leacock nur auf, wie Leute sich verhalten, wenn sie gefilmt werden, gehe es dem „unkontrollierten Kino“ darum, Vorgänge aufzuzeichnen, wie sie wirklich geschehen seien. Beobachten ohne zu beeinflussen – das sei die Grundhaltung des unkontrollierten Kinos. Gegen die Behauptung, das Geschehen in seinen Filmen sei von ihm unkontrolliert, ja nicht einmal kontrollierbar, wurde mehrere verschiedene Einwände formuliert: dass Leacock einfache Vorgänge für die Aufnahme durchaus wiederholen ließe, die Filme also stärker inszeniert seien als behauptet; dass er dem Vorfilmischen gegenüber unkritisch sei und dass er in ein diffuses „Verständnis“ für die dargestellten Figuren und ein Akzeptieren ihrer politischen Positionen und Verstrickungen absinke; dass er schon in der Auswahl der dargestellten Sujets eine Sensationalisierung betreibe, die die Attraktivität der Filme aus der Spektakularität der Sujets selbst gewinne (Sport: Eddie Sachs, 1961; Politik: Ku Klux Clan - Invisible Empire, 1965; Stars und Idole: Nehru, 1962).
Als Bezeichnung der dokumentarischen Richtung hat sich „Direct Cinema“ durchgesetzt; die Frage nach der Kontrolle, die der Dokumentarist über das ausüben kann (und darf), was er filmt, war allerdings in der Zeit, als sich der Dokumentarismus neu formierte, von höchster Bedeutung.

Literatur: Mamber, Stephen: Cinema verite in America: studies in uncontrolled documentary. Cambridge, Mass. [...]: MIT Press 1974. – Filmkritik, 3, 1964. Beiträge von Leacock und Nettelbeck.
 

Referenzen:

Cinéma vérité

Direct cinema

Tagebuchfilm


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: JH


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