Lexikon der Filmbegriffe

Verwechslungskomödie

engl.: comedy of errors; span.: comedia de capa y espada

Eine dem Boulevard entstammende und nach wie vor nahe Variante der Komödie, die ihren Hauptreiz aus der beharrlichen Unfähigkeit der Figuren bezieht, die wahre Identität einer Person zu erkennen, sei es, weil sie (1) ihre Geschlechtsidentität nicht erkennen (Männer werden für Frauen gehalten und umgekehrt; in diesen Fällen wird das Motiv des Crossdressing für komische Zwecke ausgereizt; ein Beispiel ist Viktor und Viktoria, 1933, Reinhold Schünzel), (2) Klassenverhältnisse missachten (in Drei Männer im Schnee, 1955, Kurt Hofmann, hält man den Millionär, der inkognito als armer Schlucker abgestiegen ist, für denselben, einen harmlosen Werbekaufmann aber für den Millionär), (3) Statusränge nicht beachten oder Statussymbole falsch interpretieren (den Landstreicher für eine Millionär halten, nur weil er im Rolls Royce saß, oder den neuen Polizeipräsidenten für den entsprungenen Irren; in Kleider machen Leute, 1940, Helmut Käutner, wird der Schneidergeselle für einen russischen Adligen gehalten, nur weil er einen Frack trägt), (4) bei „Blind Dates“ werden Unbekannte für jemanden gehalten, der sie nicht sind, so dass das Liebesglück sich zunächst nicht einstellen mag (so schickt in The Truth About Cats and Dogs, 1996, Michael Lehmann, eine schüchterne Radio-Moderatorin eine Freundin zu einer Verabredung, die allerdings chaotische Wirrungen auslöst, oder das Rendezvous eines Berliner Telefonisten mit einer Pariser Telefonistin in Hallo! Hallo! Hier spricht Berlin, 1932, Julien Duvivier, misslingt zunächst). Manchmal wird auch etwas Erfundenes für real angesehen (wie in Lover Come Back, 1961, Delbert Mann, in dem es um eine Werbekampagne für ein erfundenes Produkt einer Firma, die es nicht gibt, geht).
Der Zuschauer weiß in der Verwechslungskomödie mehr als die Akteure – ihr Irren ist Grund seines Vergnügens. Ist die Verwechslung nicht durchsichtig, kann sie als dramaturgisch gesetzter Lachanlass nicht funktionieren. Das Tempo ist hoch, als gelte es, die Möglichkeit des Nachdenkens über die wahre Identität der Handelnden einzuschränken und die Lust am Spiel zu intensivieren. Der Erfolg steht und fällt zudem mit dem Format der Schauspieler und Schauspielerinnen und dem Maß, in dem diese Filme auch gleichzeitig Situationskomödien sind.

Literatur: Masciadri, Virgilio: Die antike Verwechslungskomödie. ‚Menaechmi‘, ‚Amphitruo‘ und ihre Verwandtschaft. Stuttgart: M&P Verlag für Wissenschaft und Forschung 1996 (Drama. Beiheft. 4.). Zugl. Diss. Zürich 1993/94.
 

Referenzen:

Tanten-Filme

Anagnorisis

comedy of errors

Schwank

Verkennung


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB JH


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