Lexikon der Filmbegriffe

Subtext: Texttheorie

In einem weitergehenden Verständnis, das sich im Anschluss an Freuds Lehre vom Unbewussten wie vom ‚latenten Sinn‘ auch aus Positionen der französischen Hermeneutik und des ‚postmodernen‘ Dekonstruktivismus speist, ist der Subtext das eigentlich Gemeinte, das, was der Zuschauer ‚eigentlich‘ verstehen soll. Dabei geht es strukturell um interpretativ zu füllende Leerstellen in einem schichthaften Aufbau des filmischen Kunstwerks, der eindimensionale Explizitheit vermeidet und dem Filmtext häufig eine unterschwellig sexuelle, politische oder religiös-theologische und mythische Dimension verleiht.
Der Subtext, verstanden in Richtung auf eine im Film vorhandene symbolisch-allegorische Struktur, ist entweder als solcher angelegt und wird vom zeitgenössischen Publikum auch als unterstellt verstanden, oder er bedarf – zumal bei älteren Werken oder bei späteren Wiederbesichtigungen – eines Schlüssels, mit dessen Hilfe eine tieferliegende Bedeutungsschicht freigelegt werden kann. Diese Schicht ist aber nicht immer von den Filmschaffenden intendiert, sondern kann in unbewussten überindividuellen Symboliken verankert sein, die historisch wandelbar, zuweilen sogar gegenläufig ausgelegt werden können. So trägt der Subtext dazu bei, dass filmische Meisterwerke eine geschichtete Tiefe gewinnen, die ihren Interpreten zu unterschiedlichen Zeiten ein je eigenes Rezeptions- und Interpretationsvergnügen mit alternativen Lesarten zu gewähren vermag. So kann es auch geschehen, dass etwa die Autoren einer Serie einen angelegten oder vom Publikum vermuteten Subtext in späteren Folgen aufgreifen und ausbauen (z.B. geschehen mit dem homoerotischen Subtext in der TV-Serie Xena: Warrior Princess, 1995-2001). Ein anderes Beispiel ist Neil Jordans The Company of Wolves (1984): an der Oberfläche bildet der Film das Rotkäppchen-Motiv auf ein Werwolf-Horrormärchen ab, bei genauerer Besichtigung entdeckt man den Subtext, der eine subtile Initiationsgeschichte über die Probleme der weiblichen Adoleszenz und die Entdeckung von Sexualität durch Heranwachsende im Kraftfeld zwischen traditioneller Verpflichtung und individueller Neugier erzählt. 

Literatur: Horwood, Joanne E.: The semiotics of subtext in modern drama. New York: Peter Lang 1996 (Berkeley Insights in Linguistics and Semiotics. 18.). – Rayan, Krishna: Text and sub-text: suggestion in literature. London [etc.]: Arnold 1987. – Uecker, Matthias: A fatal German marriage: the national subtext of Fassbinder's Die Ehe der Maria Braun. In: German Life and Letters (Oxford) 54,1, 2001, S. 45-59.
 

Referenzen:

Allegorie

Konnotation

Palimpsest

Symbolismus


Artikel zuletzt geändert am 21.01.2012


Verfasser: LK


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