Lexikon der Filmbegriffe

clue

engl. clue = Ahnung, Hinweis, Anhaltspunkt, Spur

Clue wurde in der amerikanischen Experimentalpsychologie weitgehend synonym zu cue (= Hinweisreiz, -kriterium oder -information) verwendet. Zwar beziehen sich sowohl cue als auch clue auf Sinnesinformationen, auf denen Wahrnehmung aufbaut, jedoch meint cue einfach das Auslösen einer Reaktion bzw. Reizantwort, während clue darüber hinaus im eigentlichen Sinne einen Prozess des mentalen Schließens mitbeinhaltet. Obgleich selten formal definitorisch auseinandergehalten, hat sich der Ausdruck cue in der Experimentalpsychologie etabliert, währen clue – neben seiner umgangssprachlichen Bedeutungskomponente in no clue, clueless „keine Ahnung (habend)“ – auf Inferenzprozesse, also Vorgänge beim Schlussfolgern, Anwendung findet.
Der red herring – abgeleitet vom stark riechenden Räucherhering, der eingesetzt wird, um Jagdhunde von einer unerwünschten Fährte abzulenken – wird im abgeleiteten Sprachgebrauch im Sinne einer Strategie verwendet, mit der jemanden zu etwa überredet bzw. zu einer bestimmten Annahme verleiten werden soll. Er dient als Lockvogel, als Ablenkungsmanöver, das von der Hauptsache fernhalten oder wegführen soll, um alle Energien auf etwas Unwichtiges, einen Nebenschauplatz zu lenken oder Überlegungen ganz ins Leere laufen zu lassen. Er legt eine falsche Spur, setzt den Verfolger auf eine falsche Fährte. Dabei besteht der Red Herring – was ihn ebenfalls mit dem Clue verbindet – zumeist in einem auf die Sinne wirkenden gegenständlich-optischen Reiz, kann jedoch auch ganz im verbalen Bereich liegen, etwa in einer Unterstellung, Behauptung oder These.
Rote Heringe können für Filmfiguren (Cary Grant alias Roger O. Thornhill ist der red herring in Hitchcocks North by Northwest, 1959), aber auch rezeptionsästhetisch für die Zuschauer ausgelegt werden, die einen anderen Handlungsverlauf als den tatsächlichen vorwegnehmen sollen, um schließlich – oft ironisch gebrochen – ihre Fehlschlüsse erkennen zu müssen. Ein Meister in der Anwendung war Alfred Hitchcock, der dabei lieber von MacGuffin und Gimmick sprach.
Ein Unterschied zwischen clues und red herrings ist auch darin zu sehen, dass die beiden Begriffe auf unterschiedlichen Niveaus ansetzen: Während die Rede vom clue alle filmisch angebotenen Informationen und Reize betrifft, aus denen ein Zuschauer Schlüsse irgendwelcher Art ziehen kann, sind mit red herrings nur bewusst intendierte Fehlinformationen und Falschreize angesprochen, die streng auf die Erzählung und ihre Entfaltung bezogen sind. 

Literatur: Beller, Hans: Spiel mit kognitiven Clues. In: 1. Film- und Fernsehwissenschaftliches Kolloquium / Münster '88. Akten. Hrsg. v. Karl-Dietmar Möller, Hasko Schneider & Hans J. Wulff. Münster: MAkS Publikationen 1994, S. 115-123.
 

Referenzen:

gimmick I: Dramaturgie

gimmick II: Filmwerbung

gimmick III: Ton-Gimmick

MacGuffin

Planting

roter Hering


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: LK


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