Lexikon der Filmbegriffe

Montageexperimente

In zahlreichen Experimenten erkundeten die russischen Filmemacher die Macht der Montage – die Kräfte, die zur Bildung neuer Gedanken freigesetzt werden, die nicht dem Einzelbild zukommen, sondern erst dann auftreten, wenn Einzelbilder in Beziehung zueinander gesetzt werden. Kuleschow hat das vielleicht berühmteste Experiment durchgeführt: Er nahm eine Großaufnahme des Schauspielers Iwan Mosschuchin, eine Aufnahme mit bewusst ausdruckslosem Blick, und schnitt sie mit der Aufnahme eines Tellers Suppe, der Aufnahme eines toten Mannes und der Aufnahme einer lasziven Frau zusammen. Die Zuschauer, denen Kuleschow diese kleine (wohl aus drei Einstellungen bestehende) Sequenz vorführte, glaubten angeblich, auf dem Gesicht des Schauspielers im einen Fall Hunger, im anderen Trauer, im dritten Begierde feststellen zu können. Es kommt auf den Kontext an, welche besondere Bedeutung mit einem Bild assoziiert wird, und Montage organisiert derartige Kontexte („Kontexttheorem“). Ähnlich kann sehr heterogenes, an verschiedenen Orten aufgenommenes Material dennoch den Eindruck einer einheitlichen Raumvorstellung erzeugen (Kuleschow: „künstliche Landschaften“). Das Interesse, das Kuleschow und seine Kollegen an Montageexperimenten hatten, war praktischer, nicht psychologischer Natur – Montageexperimente erkunden ein Wissen über die Induktion von Bedeutungen, das unmittelbar in Montagepraxis zurückgeführt werden kann.

Literatur: Wulff, Hans J.: Experimente zum Kuleshov-Effekt. Ein Literaturbericht und eine Kritik. In: Film und Psychologie. 1. Kognition – Rezeption – Perzeption. Hrsg. v. Gerhard Schumm u. Hans J. Wulff. Münster: MAkS Publikationen 1990, S. 11-40.

Referenzen:

kreative Geographie

Kuleschow-Effekt


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: BH HJW


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