Lexikon der Filmbegriffe

Motiv: Texttheorie der Motive

In formalistischen Textkonzepten ist ein Motiv jedes signifikant wiederholte Element in einem Film. Ein Motiv in diesem Sinne kann ein Objekt, eine Farbe, ein Ort, ein Geräusch oder auch eine Charaktereigenschaft sein. Die Motivstruktur der Texte ist in mehreren Bestimmungsstücken beschrieben: (1) Motive sind gekoppelt an die Tatsache der Wiederholung. (2) Motive beziehen sich auf den gesamten Text, durchziehen ihn als eine suprasegmentale Schicht. (3) Sie stehen in Verbindung mit dem Prinzip der Signifikanz – nur solche Elemente können als „Motive“ verstanden werden, die in einem Film mit dem Bedeutungsverhältnis zu tun haben. (4) Motivanalyse ist sinnlos ohne die Bestimmung der Rolle, die Motive im Kontext eines Films spielen.

Einige Beispiele: In Griffiths Intolerance wird das Bild der Frau, die die Wiege hin- und herschaukelt, immer wieder wiederholt – so zu einem Motiv werdend, das auf die Erneuerung und Widerstandskraft des menschlichen Geistes verweist. In Welles‘ Citizen Kane bildet das mehrfach wiederholte Wort „Rosebud“ ein Motiv, das darauf hindeutet, dass jemand aus dem Leben des Protagonisten verschwunden ist. In Fellinis La Strada wird die musikalische Phrase, die der Clown immer und immer wieder spielt, zu einem Motiv der verlorenen Unschuld und des verlorenen Glücks des Mädchens. In Roegs Don't Look Now formiert die Wiederholung von Rot ein Motiv, das auf die zunehmende Gewalt und auf den Zwerg, der am Ende auf den Helden wartet, verweist. Schließlich sei die Verwendung der Kamerabewegung in Hitchcocks Psycho als Beispiel für ein rein formales Motiv benannt, das einer besonderen Bewegung des Films auf die Figuren zu zum Ausdruck bringt.

Referenzen:

blindes Motiv

Leitmotiv


Artikel zuletzt geändert am 08.02.2012


Verfasser: HJW


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