Lexikon der Filmbegriffe

Geistige Landesverteidigung

In der Schweiz um 1938 einsetzende kulturelle Abwehrbewegung gegen den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus im In- und vor allem Ausland nannte sich „geistige Landesverteidigung“. Die Rückbesinnung auf nationale Werte und auf einheimische Kultur führte schnell zu einer Beschwörung des Traditionellen und Ursprünglichen (bis hin zur Funktionalisierung der Heidi-Figur). Die „Geistige Landesverteidigung“ war allerdings weder eine staatlich gelenkte Aktion noch eine private Organisation. Vielmehr ging es um eine fast unüberschaubare Vielzahl einzelner Gruppen und Aktionen, die – bei aller Einigkeit gegenüber dem Faschismus – sowohl von ihrer weltanschaulichen Herkunft als auch von ihren Strategien gegenüber dem äußeren Feind her alles andere als eine einheitliche Haltung vertraten. Kennzeichen waren eine grundlegende Skepsis gegenüber dem Urbanen und Intellektuellen, eine Betonung des Ländlich-Alpinen (wie in Gilberte de Courgenay, 1941, Franz Schnyder, oder in Füsilier Wipf, 1938, Leopold Lindtberg, Hermann Haller) sowie eine fast mythische Verklärung der Vergangenheit (wie in Landammann Stauffacher, 1941, Leopold Lindtberg). Das Kino zelebrierte den Dialektfilm, widmete sich dem Militär und den kleinen Leuten, setzt auf Regionalismus und verwies auf das historisch-literarische Erbe (etablierte allerdings auch den Jazz als Gegenmusik gegen die Blas- und Militärmusik der Nazis wie in s‘Margritli und d‘ Soldate, 1939). Insgesamt sollte das Konstrukt der „Willensnation Schweiz“ ins rechte Bild gerückt und der daraus hervorgehende „eidgenössische Geist“ gestärkt werden. Es entstand eine Flut von Spiel-und Dokumentarfilmen, die ganz auf den einheimischen – in aller Regel deutschschweizer – Markt ausgerichtet war, außerdem wurde ab 1940 die Schweizer Filmwochenschau produziert.
Die Geistige Landesverteidigung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Eindruck des „Kalten Krieges“ weitergeführt. Weil die linken Parteien sie aber wegen des neuen „Feindbildes“ (Sowjetunion / Warschau-Pakt statt Nazideutschland) nicht mehr mittragen wollten, geriet sie mehr und mehr in den Dunstkreis rechtsbürgerlicher Ideologien. Die ganze Bewegung geriet in die Kritik – Franz Schnyder meldete in seinem Film Der 10. Mai (1957) z.B. scharfe Kritik an der „geistigen Landesverteidigung“ an. 

Literatur: http://www.lexhist.ch/externe/protect/textes/d/D17426.html


Artikel zuletzt geändert am 25.01.2012


Verfasser: PB JH


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