Lexikon der Filmbegriffe

Wissensklufthypothese

engl.: Knowledge-Gap Hypothesis

Die zuerst 1970 von Tichenor, Donohue und Olien geäußerte Vermutung, dass ein wachsendes Informations- und Medienangebot die Kluft zwischen Menschen mit formal höherem und Menschen mit niedrigerem Bildungsgrad vergrößere, ist aus einer politischen Theorie der Medien-Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Die These: Bildungs- und statushöhere Personen nutzen insbesondere das Informationsangebot schneller und effizienter. Die statusniedrigeren Segmente der Bevölkerung bleiben dabei nicht etwa unwissend – ihr Wissenszuwachs ist aber im Vergleich zu den statushöheren Segmenten deutlich kleiner. Wissensklüfte entstehen aufgrund unterschiedlicher Sozialisationsbedingungen – insbesondere die frühe Aneignung und Kultivierung des Lesens gegenüber allen anderen Medien erhöht die Aufmerksamkeit für themenbezogene Medieninformationen. Mediennutzungen werden unter guten Bildungsbedingungen deutlich funktionsbezogener vollzogen als unter Bedingungen einer ungesteuerten Zuwendung (z.B. um gezielt Informationen zu beschaffen, um Alltagswissen zu aktualisieren etc.). Und schließlich tragen auch die sozialen Netze, in denen die Menschen verkehren, dazu bei, Medienzuwendungen zu kanalisieren, interessegesteuerte Formen zu entwickeln und darüber hinaus die Informationsflüsse, die in den Medien stattfinden, in Vis-à-Vis-Kommunikationen wiederaufzunehmen und zu verlängern.
Die Wissensklufthypothese steht in klarem Widerspruch zur Demokratietheorie, die den (politisch) informierten Bürger fordert und zumindest theoretisch davon ausgehen muss, dass jeder gleichberechtigten Zugang zu den (politisch relevanten) Informationen hat. Das Postulat der Chancengleichheit wird nun aber durch die unterschiedlichen Habitualisierungen der Mediennutzung und die daraus folgende unterschiedliche Informiertheit des Bürgers radikal in Frage gestellt – eine Differenz, die sich angesichts verändernder Medien- und Informationstechnologien noch mehr verbreitert.

Literatur: Bonfadelli, Heinz: Neue Fragestellungen in der Wirkungsforschung: Zur Hypothese der wachsenden Wissenskluft. In: Rundfunk und Fernsehen 28, 1980, S. 173-193. – Horstmann, Reinhold: Medieneinflüsse auf politisches Wissen. Zur Tragfähigkeit der Wissenskluft-Hypothese. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 1991. – Tichenor, Philipp / Donohue, George A. / Olien, Clarice N.: Mass media flow and differential growth in knowledge. In: Public Opinion Quarterly 34, 1970, S. 159-170. – Winterhoff-Spurk, Peter: Von der Wissenskluft zur medialen Klassengesellschaft? Möglichkeiten und Grenzen individueller Rezeptionsautonomie. In: GMK-Rundbrief 42, 1999, S. 28-43.


Artikel zuletzt geändert am 18.07.2011


Verfasser: HJW


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