Lexikon der Filmbegriffe

Tanzfilm / Tanzen im Film

Genre, das auf der Affinität des Films zum Tanz aufbaut, der den menschlichen Körper – seit je privilegiertes Objekt der Kamera – und das filmische Moment der Bewegung in sich vereint. Naheliegenderweise ist der Tanzfilm erst nach der Stummfilm-Zeit mit der Entwicklung des Tonfilms in den 1920er-Jahren entstanden. Zunächst wurden Broadway-Produktionen abgefilmt, bevor mit Fred Astaire der erste Tanzfilm-Star ein festes Publikum binden konnte – Filme wie Shall We Dance (1937) erhielten ein deutlich höheres Budget als bisherige Musikfilmproduktionen, das Marketing wurde perfektioniert, aus abgefilmtem Revuetheater wurde eine eigene narrative Unterhaltungsform. Fred Astaire und Ginger Rogers waren ein erstes „Traumpaar“ des Tanzfilms; andere Stars wie Gene Kelly, Eleanor Powell oder Cyd Charisse folgten vor allem in musicalartigen Filmen. Der Tanz spielte im Kino der 1960er und 1970er Jahre gegenüber Konzertaufzeichnungen keine bedeutende Rolle. Erst mit dem Erfolg von Grease (1978) mit John Travolta und Olivia Newton John setzte ein Revival des Genres ein. Z.T. äußerst populär gewordene Filme wie Fame (1980), Flashdance (1983), Footloose (1984), A Chorus Line (1985), Dirty Dancing (1987) und Strictly Ballroom (1991) lokalisierten den Tanz meist als eine mit veränderten Musikstilen gekoppelte jugendliche Ausdrucksbewegung, die sich exklusiv gegen die Erwachsenenwelt absperrt. Manche Elemente wurden schnell in den Videoclip übernommen. Daneben finden sich gelegentliche Versuche wie Carlos Sauras Flamenco (1995), die den Tanz als nur partiell narrative Ausdrucksform des Films zu instrumentieren suchen.
Die strukturelle Verwandtschaft zwischen dem frühen, Musical und Revue verpflichteten Tanzfilm und jenen neueren Formen bleibt jedoch bestehen: Der Tanzfilm folgt einem Nummernprinzip, wobei Handlung und Tanz unterschiedlich ineinander verschränkt sind. Sei es, dass Narration und Tanz (wie im Backstage Musical) voneinander separiert sind, sei es, dass beide Elemente nahtlos ineinander übergehen oder sich die Handlung aus dem Tanz heraus ergibt. Die Tanznummern selber sistieren meist den Verlauf der Handlung und bedienen ganz die visuellen und – dank der Musik – akustischen Bedürfnisse des Publikums. Und wie bei den Gesangsnummern des Musicals muss sich die Inszenierung der Tanznummern nicht an die Grenzen des psychologisch-realistischen Spielfilms halten: Stattdessen kann und soll sie sich die Freiheit zu berauschender Opulenz und atemberaubendem Spektakel nehmen, was sich nicht zuletzt (und im Unterschied zum Musical) in rasanteren Schnittfrequenzen und einer Tendenz zur Fragmentierung des tanzenden Körpers äußert.

Literatur: Brooks, Jodi: Ghosting the machine: the sounds of tap and the sounds of film. In: Screen 44,4, 2003, S. 355-378. – Chumo, Peter N., II: Dance, Flexibility, and the Renewal of Genre in Singin’ in the Rain. In: Cinema Journal 36,1, 1996, S. 39-54. – Goellner, E.W. / Murphy, J.S. (Eds.): Bodies of the Text. Dance as Theory, Literature as Dance. New Brunswick/NJ: Rutgers University Press 1995. – Hay, James: Dancing and Deconstructing the American Dream. In: Quarterly Review of Film Studies 10,2, 1985, S. 97-117.

Referenzen:

Ballettverfilmung / Ballett und Film

Tangofilm


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB HJW


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