Lexikon der Filmbegriffe

tschechoslowakische neue Welle

Kurze Bewegung im tschechoslowakischen Kino, die während des Prager Frühlings Mitte der 1960er Jahre einsetzt und mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968 abrupt endet. Ein politisches Klima relativer Toleranz ermöglicht es einer Gruppe junger FilmemacherInnen um Vera Chytilová (Sedmikrasky, 1966), Milos Forman (Lásky jedné plavovlásky, 1964), Jirí Menzel (Ostre slodovane vlaky, 1966) und Ivan Passer (Intimni osvetleni, 1966), Filme zu realisieren, die von großer stilistischer Unterschiedlichkeit und Experimentierfreudigkeit sind. Was sie verbindet, ist zum einen der Einfluss vorangegangener Bewegungen: des italienischen Neorealismus, der französischen Nouvelle Vague und des amerikanischen Direct Cinema. Zum anderen werden scheinbar harmlos-heiterere Komödien bevorzugt, die in Wahrheit aber mit scharf beobachteten Figuren – meist kleine Leute – und dem genauen Blick auf ihr alltägliches Leben aufwarten. Daraus entspringt eine subtile und ironische, vor allem aber hoch politische Systemkritik am tschechoslowakischen Alltag.

Literatur: Bates, Robin: The Ideological Foundations of the Czech New Wave. In: The Emergence of Film Art. Ed. by Lewis Jacobs. 2nd ed. New York/London: Norton 1979, S. 494-505. – Freunde der Deutschen Kinemathek (Hrsg.): Die Filme des Prager Frühlings 1963-1969. Berlin: Selbstvlg. 1992. – Hames, Peter: The Czechoslovak New Wave. Berkeley: University of California Press 1985. – Liehm, Antonín J.: Closely Watched Films. The Czechoslovak Experience. White Plains: International Arts and Sciences Press 1974.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: PB


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