Lexikon der Filmbegriffe

Wahrnehmung

Im psychologischen Sprachgebrauch werden mit dem Ausdruck „Wahrnehmung“ diejenigen psychischen Ereignisse bezeichnet, die durch Reize bzw. Reizkonstellationen hervorgerufen und die durch ein Sinnesorgan mit den entsprechenden neurophysiologischen Mechanismen vermittelt sind.
Beziehungen zwischen Film und (insbesondere visueller) Wahrnehmung sowie die entsprechenden wahrnehmungspsychologischen Untersuchungen zum Film werden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Diese erfolgen (von Münsterberg 1916 einmal abgesehen) zunächst vor allem in Auseinandersetzung mit der Gestaltpsychologie (Paul Linke, Max Wertheimer) und behandeln das Thema der Bewegungswahrnehmung bzw. der Bewegungsillusion im Zusammenhang mit stroboskopischen Phänomenen. Diese Untersuchungen, die sich auf die Wahrnehmung der Übergänge von Bild zu Bild richteten, verfolgten zentral die Fragestellung, ob die jeweilige Filmwahrnehmung eher als ein ‚reines’, durch die Trägheit des Auges bedingtes Wahrnehmungsphänomen (gewissermaßen als elementare Wahrnehmungstäuschung) oder als komplexes kognitives Phänomen zu gelten hat. Spätestens in den 1930ern kamen dann die komplexeren Aspekte des Films hinzu, die Übergänge von Einstellung zu Einstellung, die prominent etwa anhand der semantischen Effekte der Montagetechniken untersucht wurden (wie der Kuleshov-Effekt).
Seit den 1970ern hat sich die Filmpsychologie (z. B. durch die Arbeiten von John R. Gregory) zunehmend dem kognitiven Paradigma angenähert und in der Auseinandersetzung zwischen schematheoretischen und rezeptionsästhetischen bzw. ökologischen Ansätzen weiterentwickelt (Peter Ohler, Joseph D. Anderson). Entsprechend unterscheidet etwa schon Peter Wuss perzeptionsgeleitete, konzeptgeleitete und stereotypgeleitete filmische Strukturen. Arnheim hatte die Filmwahrnehmung noch als partielle Realitätsillusion angesehen, die zwar Überscheidungen mit der nicht-medial vermittelten Wahrnehmung aufweist, aber zugleich immer das Bewusstsein medialer Vermittlung enthält. Der auf Gibson zurückgehende ökologische Ansatz betont die perzeptuellen Aspekte und verneint auf Grund der Annahme von Invarianzen im Wahrnehmungserlebnis die Notwendigkeit von kognitiven Inferenzschlüssen. Er nimmt damit für die Filmrezeption eine weitgehend perzeptuell verankerte Basis mit geringen kognitiven Voraussetzungen an. Im Unterschied hierzu wird die Filmrezeption nach schematheoretischen Ansätzen sowohl durch allgemeines Weltwissen als auch narratives und formales filmisches Wissen beeinflusst. Gegenwärtig unternimmt die an der Phänomenologie orientierte (in der Regel auf Kracauer zurückgehende) Filmtheorie eine Aufwertung der filmischen Wahrnehmungseffekte, die sie im Sinne des „taktilen Kinos“ als eine in besonderer Weise leibliche Wahrnehmung fasst (Vivian Sobchack; im Überblick: Robnik 2003).

Literatur: Anderson, Joseph D.: The Reality of Illusion. An Ecological Approach to Cognitive Film Theory. Southern Illionois University Press 1996. – von Campenhausen, Christoph: Die Sinne des Menschen. Einführung in die Psychophysik der Wahrnehmung. 2., völlig neu bearbeitete Aufl. Stuttgart/New York: Thieme 1993. – Hickethier, Knut / Winkler, Hartmut (Hg.): Filmwahrnehmung. Berlin: Edition Sigma 1990. – Hochberg, Julian / Brooks, Virginia: The Perception of Motion Pictures. In: Carterette, Edward C. & Friedman, Morton P. (eds.): Handbook of Perception 10: Perceptual ecology. New York: Academic Press 1978, S. 259-304. – Kalkofen, Hermann: Die Psychologie und der Film – eine alte Beziehung, in: Lück, H. & Miller R. (Hg): Illustrierte Geschichte der Psychologie. München: Quintessenz 1993, S. 317-321. – Matzker, Reiner: Das Medium der Phänomenalität. Wahrnehmungs- und erkenntnistheoretische Aspekte der Medientheorie und Filmgeschichte. München: Fink 1993. – Münsterberg, Hugo: The Photoplay. A Psychological Study (1916). New York: Dover 1970. – Ohler, Peter: Kognitive Filmpsychologie. Verarbeitung und mentale Repräsentation narrativer Filme. Münster: Maks Publikationen 1994. – Robnik, Drehli: Körper-Erfahung und Film-Phänomenologie. In: Moderne Film Theorie. Hg. von Jürgen Felix. Mainz: Bender Verlag 2003, S. 246-286. – Schumm, Gerhard / Wulff, Hans J. (Hg.): Film und Psychologie I.: Kognition – Rezeption – Perzeption. Münster: Maks Publikationen 1990. – Sobchack, Vivian: The Address of the Eye. A Phenemenology of Film Experience. Princeton: Princeton University Press 1992. – Wuss, Peter: Filmanalyse und Psychologie. Strukturen des Films im Wahrnehmungsprozeß. Berlin: Edition Sigma 1993.

Referenzen:

Wahrnehmungspsychologie


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: KSH HK


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