Lexikon der Filmbegriffe

Aristokratie

Motiv in Filmen, die in der sozialen Großformation der Aristokratie spielen. Dabei kann es sich um verhältnismäßig schlichten, bürgertumsnahen Landadel oder um prunkvolle Hocharistokratie handeln. Was allerdings in den Filmen als „Aristokratie“ daherkommt, muss nicht eben viel mit dem sozialhistorischen Gegenstand Adel zu tun haben. Die meisten Adelsdarstellungen sind Ausstattungs- und Kostümfilme, deren Figuren in üppigen Roben durch prächtige Schlösser lustwandeln und sich in pikante Intrigenspiele (Dangerous Liaisons, Stephen Frears, 1988), harmlose Liebesgeschichten oder tragische Lieben zwischen Fürsten und Bürgerinnen, zwischen Gräfinnen und Gärtnern verwickeln, einer tragischen Verzichtsmoral folgen (La Princesse de Clèves, Jean Delannoy, 1960) und stets von goldenen Tellern essen. Weniger häufig sind (historische) Milieustudien, die eine Systemkritik formulieren, oft, indem sie den Fokus auf die Institution „Hofstaat“ (Versailles, Sanssouci, Schönbrunn) und seine Dekadenz richten und realistisch oder als Parabel die Unzulänglichkeiten eines unheilvoll mächtigen Gesellschaftssegments sowie die Ungerechtigkeit von Klassenverhältnissen beleuchten (La Règle du Jeu, 1939, Jean Renoir). Erinnert sei an Vatel (2000, Roland Joffé), der die Geschichte des bürgerlichen Managers der Hoffeste Ludwigs IV. erzählt, darauf hindeutend, dass die aristokratische Kultur der Repräsentation längst über die technische und administrative bürgerliche Intelligenz verfügte, lange bevor diese die gesellschaftlichen und ökonomischen Machtpositionen einnahm.
Gerade in den standeskritischen Filmen geht es nicht nur um die Diffamierung der Arroganz und Selbstbezüglichkeit aristokratischen Lebens, sondern manchmal auch um die Umschreibung der Tugenden der Klasse, der Charakterzüge, die ihren inneren Zusammenhalt ausmachen. Eberhard Fechners Dokumentarfilm Im Damenstift (1982) umzirkelt dieses Thema in einer Reihe von Porträts – da geht es immer wieder um Selbstkontrolle als Zentrum adeliger Identität; um Ausdrucks- und Affektkontrolle im Moment; die Fähigkeit, die Erfahrung von Schlimmem zu bewältigen; darum, den Lebensentwurf unter Kontrolle zu behalten, Würde zu bewahren; um die subjektiv empfundene Tatsache, in der Pflicht zu stehen, als Adelige den alten, vorgefundenen Tugendenkanon zu bewahren bis an das Lebensende, im Bewusstsein, einer geistigen und moralischen Elite anzugehören. Durchaus spürbar ist aber auch hier wie in vielen anderen Filmen das Moment des Standesdünkels.


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: PB HJW


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