Lexikon der Filmbegriffe

Musical

Mit der Einführung des Tonfilms seit dem Ende der 1920er Jahre sich entwickelndes Hollywood-Genre, das in seinen heterogenen Wurzeln unter anderem aus der Music-Hall-, Vaudeville- und Broadway-Tradition hervorgegangen ist. Die obligatorischen Gesangs- und Tanznummern unterbrechen die Filmhandlung in der Frühphase zunächst unvermittelt, werden später jedoch in die Narration integriert bzw. gehen motiviert aus dieser hervor und erfüllen vielfältige Funktionen: Sie eröffnen irreale „Wunschräume“, nehmen Zukünftiges vorweg, kommentieren das diegetische Geschehen oder machen Subtexte sichtbar.
Es lässt sich eine schnell einsetzende Aufgliederung in drei wesentliche Subgenres beschreiben. (1) Das Folk Musical stellt gemäß der „folk-art“-Tradition die familiäre Gemeinschaft, das harmonische ländliche Leben vergangener Tage und das Natürlich-Spontane ins Zentrum. Die Protagonisten sind meist Amateure und im Gegensatz zu den Stars der professionellen Showbiz-Welt näher am breiten Publikum bzw. dem Volk (Bsp.: Meet Me in St. Louis (1944)). (2) Das Fairytale Musical hat seinen Ursprung in der Wiener Operette und präsentiert eine utopische Traumwelt. Die Genese einer märchenhaften Liebesgeschichte sowie eine idealtypischen Karriere der weiblichen Hauptfigur sind thematische Konstanten und spiegeln die Ideale des „American Way of Life“ wider. (3) Die wohl populärste und insgesamt wichtigste Variante stellt das Show-Musical (backstage variety) dar, in dem inhaltlich stets die Inszenierung einer Bühnen-Show oder später auch die Produktion eines Film-Musicals im Zentrum stehen.
In späten Musicals, besonders seit den 1970er Jahren, ist erstmals ein realistischer Anspruch spürbar. Die altbewährte „happy-go-lucky“-Syntax wird ad absurdum geführt und damit die Gleichzeitigkeit von künstlerischem Erfolg und erfüllter Liebe der Performer-Protagonisten negiert. Es herrscht das „sad clown“-Motiv vor (z.B. in New York, New York, 1977, oder Cabaret, 1972). Die konventionellen Subgenre-Strukturen sind jedoch selbst in den jüngeren Beispielen im Kern erhalten geblieben. Auch wenn die Hochphase des schon oft totgesagten Genres eindeutig in der Zeit von 1930 bis 1960 zu verorten ist, erfreut es sich nach wie vor großer Beliebtheit. Neben aufwendigen Hollywood-Produktionen (Chicago, 2002) entstehen heute außerdem immer wieder innovative europäische Variationen des amerikanischen Musical-Formats.

Literatur: Altman, Rick (ed.): Genre: The Musical. London/Boston: Routledge&Kegan Paul 1981. – Cohan, Steven (ed.): Hollywood Musicals. The Film Reader. London/New York: Routledge 2002. – Feuer, Jane: The Hollywood Musical. Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press, 2nd ed. 1993. – Green, Stanley: Encyclopedia of the Musical Film. New York: Oxford University Press 1981. – Hischak, Thomas S.: Film it with music. An encyclopedic guide to the American movie musical. Westport, Conn. [u.a.]: Greenwood Press 2001. – Stern, Lee Edward: Der Musical-Film. München: Heyne 1974.

Referenzen:

Backstage-Musical

dual focus narrative

Freed Unit

Huangmei diao

integrated musical

Jukebox-Musical

musical drama

production number I

production number II

Revuefilm

Rock-Musical

Schlagerfilm


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: IL


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