Lexikon der Filmbegriffe

Original

Der Begriff des Originals schließt nach landläufiger Auffassung die Eigenschaft der Einmaligkeit ein. Einmaligkeit ist aber nicht als numerischer Begriff zu verstehen, ist nicht „Existenz in einem Stück“. Der Begriff, der dem Original innewohnt, fasst vielmehr Wesentlicheres zusammen, nämlich die Echtheit einer geistig – handwerklich – künstlerischen Leistung, ein So-und-nicht-anders-Sein. In der Kunst, insbesondere in der Druckgraphik spricht man dann von einer „Originalgraphik“, wenn der Künstler den Entstehungsprozess im Wesentlichen selbst von der Idee bis zum Endergebnis leitet, unabhängig von den technischen Mitteln, die dabei eingesetzt, miteinander kombiniert oder in Zusammenarbeit mit einem Drucker oder Verleger realisiert wurden. Wenn die Authentizität von der künstlerischen Idee bis zum Druckergebnis gewahrt bleibt, was in der Regelung durch eine Nummerierung und Signierung des einzelnen Blattes versichert wird. Ähnliches findet sich auch in der Fotografie – auch hier gilt die signierte Kopie als „Originalabzug“.
Schwieriger ist die Situation beim Film: Zwar gibt es mit dem director‘s cut eine Fassung mancher Filme, die eine zusammenhängende künstlerische Kontrolle des Werks bis zur endgültigen Abnahme der im Kino gezeigten Fassung publikumswirksam versichert, doch zeigt die Praxis eine Vielzahl von Eingriffen in das Werk – solche der Produzenten und des Studios, solche der Produzierenden selbst, solche der Zensur, der Altersfreigabe, der juristischen Aufsicht; Eingriffe der Kinobetreiber; Herstellung nationaler Varianten (als Schnitt- und Synchronfassungen, manchmal auch mit variierender Musik); Einflüsse der Zeit schließlich (Alterung, mechanische und chemische Deformationen und Veränderungen): Ein „Original“, wie es in der Kunst-Szene so selbstverständlich ist, ist im Film kaum festzustellen. Hier stehen „Fassungen“ einander gegenüber, und „ein Film“ ist eher als Familie von Varianten denn als Original zu fassen.
Die Herstellung einer „originalen Fassung“ als einer möglichst vollständigen Rekonstruktion der Uraufführungsfassung (oder einer integralen Fassung, die ein Regisseur einst zur Abnahme vorlegte) ist allerdings eine Zielvorstellung bei der Rekonstruktion und Wiederzugänglichmachung von Filmen. So kursiert die AFI-Rekonstruktion von Frank Capras Lost Horizon (1937) als Urfassung, die nicht erhalten geblieben ist; allerdings überlebte die Tonspur, die nun der Neufassung zugrunde liegt; die Teile des Bildmaterials, die nicht mehr aufgefunden werden konnten, sind durch production stills u.ä. ersetzt. Für viele Historiker kann allerdings jede zeitgenössische Kopie näher an einer „originalen Version“ sein als neuere Kopien desselben Films – eine fragmentarische Nitratkopie gilt soweit eher als ein Original als eine restaurierte Urfassung. 
 

Referenzen:

autorisierte Fassung

final cut

künstlerische Kontrolle


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: HJW


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