Lexikon der Filmbegriffe

Nationalepos

Ein Spielfilm, der sich auf die als entscheidend erachteten Schlüsselphasen in der Entstehung eines Nationalstaates konzentriert, wird – ähnlich wie entsprechend ausgerichtete Romane – oft als „Nationalepos“ bezeichnet. Meist geschieht dies mit einer erkennbaren Portion Pathos, wobei die Grenzen zu Chauvinismus und Nationalismus sehr fließend sind, und gelegentlich kommen die Filme als unverhohlene Propaganda daher. Was als Schlüsselmoment gilt, ist dem historisch wandelbaren (wenn auch meist langlebigen) Selbstverständnis eines Staates unterworfen. Oft handelt es sich dabei um Gründungsmythen, die in mehr oder weniger verklärten historischen Epochen verortet werden (wie in The Birth of a Nation, 1915, David W. Griffith, oder Exodus, 1960, Otto Preminger), oder um Untergangsgeschichten, die ebenso verklärende Effekte ansteuern (wie in Nibelungen I / II, Fritz Lang, oder Lotna, 1959, Andrzej Wajda). Entsprechend sind viele Nationalepen als Monumental- und/oder Ausstattungs- und Kostümfilme angelegt. Viele kommen außerdem im Gewand eines Biopics daher und binden die Geburt eines Staates an die Existenz glorreicher Staatsmänner (auf deren Lebensweg Frauen höchstens als Gefährtinnen fungieren; man denke an Heldenfiguren wie in Alexander Newskij, 1938, Sergej Eisenstein, oder an Führerfiguren wie in Napoléon, 1926, Abel Gance). Nationalepen legen keinen Wert auf „historische Objektivität“ oder gar Kritik, vielmehr favorisieren sie möglichst eindeutige, affirmative und mehrheitsfähige (und das heißt in der Regel einseitige) Darstellungen einer Geschichte, die als die eigene und die gute reklamiert wird.

Referenzen:

Legendenverfilmung


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: PB


Zurück