Lexikon der Filmbegriffe

Behinderung

engl.: disability picture

Behinderung im Kino ist oft die Geschichte von Vorurteil und Ausgrenzung, von selbstquälerischen Zweifeln und von Verlustgefühlen gewesen. Sie ist bevorzugt in Filmen mit Anspruch auf Gesellschaftskritik, im humanitären Dokumentarfilm, aber auch in Thrillern und Kriminalfilmen behandelt worden. Figuren, deren körperliche (Lähmung, Missbildung, Taubheit, Stummheit, Blindheit) oder geistige Beeinträchtigung ihnen die Bewältigung des Alltags oder ein selbständiges Leben erschweren, sind Handlungsträger oder wichtige Nebenfiguren. Im Spielfilm sind häufig Behinderungen der Protagonisten durch spezielle Begabungen „ausgeglichen“ oder werden durch Allmachtsphantasien überkompensiert. Romantisierende und melodramatische Schilderungen stehen neben ungeschönten Charakterstudien, und freilich ist auch das problematische, auf Attraktion und Sensation ausgerichtete Konzept des Freaks anzutreffen. Dominant allerdings ist eine auffallende Respektshaltung gegenüber den Protagonisten (wie in The Left Foot, Irland 1989, Jim Sheridan) – selbst in den Fällen, in denen es um die Schwierigkeiten des Umgangs mit Behinderten geht (wie in The Miracle Worker, USA 1962, Arthur Penn). In allen Filmen ist die Perspektive des Films parteilich, gleichgültig, ob es sich um eine Darstellung aus Sicht der Betroffenen, der Angehörigen oder der Ärzte handelt. Und es ist gleichgültig, ob der Film eine Erfolgs-, Krisen-, Streitpunkt-, Katastrophen-, Skandal-, Epidemie-, Verlautbarungs- oder Wundergeschichte erzählt. Immer wieder geht es darum, Lebensperspektiven trotz der Behinderung zu sichern. Eine Sonderrolle spielen Kinderfilme, die das Leben mit Behinderung als besondere Kondition des Lebens verhandeln (wie Uz Zase skácu pres kaluze / Und wieder spring' ich über Pfützen, CSSR 1970, Karel Kachyna, oder The Mighty, USA 1998, Peter Chelsom). Nur in seltenen Fällen werden medizinethische Fragen berührt (wie die nach Sterbehilfe in Mar adentro, Spanien 2004, Alejandro Amenábar).
Das Thema wird seit vielen Jahren vor allem im Fernsehen bearbeitet, doch gibt es bis heute immer wieder auch bemerkenswerte Versuche im Kino. Es gibt heute Behinderten-Film-Festivals in London, München, Moskau und Helsinki.

Beispiele: Remous (Frankreich 1934, Edmond T. Gréville); The Men (USA 1950, Fred Zinnemann); Behinderte Liebe (Schweiz 1979, Marlies Graf); Jenseits der Stille (BRD 1994, Caroline Link).

Literatur: Bartmann, Silke: Der behinderte Mensch im Spielfilm. Eine kritische Auseinandersetzung mit Mustern, Legitimationen, Auswirkungen von und dem Umgang mit Darstellungsweisen von behinderten Menschen in Spielfilmen. Münster [...]: Lit 2002 . – Heiner, Stefan (Hrsg.): Bildstörungen. Kranke und Behinderte im Spielfilm. Frankfurt: Mabuse-Vlg. 2003. – Norden, Martin F.: The cinema of isolation. A history of physical disability in the movies. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press 1994. – Screening disability. Essays on cinema and disability. Ed. by Christopher R. Smit and Anthony Enns. Lanham [...]: University Press of America 2001.

Referenzen:

Freak

Freakshow

SozPäd-Movie

Zwerge


Artikel zuletzt geändert am 03.03.2012


Verfasser: UK CA


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