Lexikon der Filmbegriffe

poetische Gerechtigkeit

Das Prinzip der poetischen Gerechtigkeit wird heute meist alltagssprachlich gebraucht und bezeichnet den in der Dichtung oft erscheinenden, in der Wirklichkeit dagegen vermissten Kausalzusammenhang von Schuld und Strafe. Als normativ-dramatisches Postulat hat Thomas Rymer es im ausgehenden siebzehnten Jahrhundert wohl zuerst benannt. Er suchte damit die Verteilung von Belohnungen und Bestrafungen zu erfassen, die am Ende eines Stücks mit den Tugenden und Lastern der Figuren koordiniert werden sollte. Rymer nahm das Drama als ein eigenes, in sich geschlossenes Universum, von dem er erwartete, dass es nach idealen Prinzipien der Ausstattung (des decorum) und der Moralität gestaltet sein sollte. Insbesondere sollte am Ende die Werteordnung wieder hergestellt werden und sich nicht nach den Zufallsprinzipien entwickeln, wie es oft in der äußeren Realität geschieht. Dem Prinzip der poetischen Gerechtigkeit ist oft widersprochen worden, weil es der Dichtung eine Normenkonformität verordne, die gegen ästhetische Aufgaben verstoße, aber auch, weil es die Möglichkeiten eines tragischen Endes verhindern würde. Gleichwohl das Postulat der ausgleichenden Gerechtigkeit in den Programmatiken des Theaters oder des Films heute kaum noch auftaucht, zeigt schon ein kurzer Blick in die Praxis der populären Gebrauchsdramaturgien, dass bis heute der Ausgleich der vices and virtues die Schließungsstrategien von Filmen und Dramen regiert.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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