Lexikon der Filmbegriffe

Rekanonisierung

Ist der Kanon ein Versuch, das ästhetisch oder moralisch Wertvolle gegen das historische Vergessen zu immunisieren, es als kulturellen oder disziplinären Traditionsbestand zu qualifizieren, so gibt es immer wieder Revisionen des Kanons: Rekanonisierungen, wenn einzelne Werke oder Werkgruppen wieder in den Kanon hineingenommen, Dekanonisierungen, wenn sie aus ihm entfernt werden. Oft resultieren Re- und Dekanonisierungen aus schleichenden Prozessen der zu- oder abnehmenden Kenntnisnahme, aus veränderten politischen oder kulturellen Kontextbedingungen sind die so proletarischen Filme der 1920er Jahre erst im Horizont der politischen Neugierden der 1960er und 70er Jahre als zeitgenössische Quellen und Manifestationen eines besonderen Realismus wiederentdeckt worden, wie auch Teil des Werks von Edgar G. Ulmer oder Jacques Tourneur erst mit der Hochschätzung des Film noir wieder zum Kanon erklärt wurden. Insbesondere Umbruchphasen wie das Ende der Franco-Diktatur in Spanien führen zur Revision des Kanons. Filmgeschichte ist so immer auch Kanongeschichte in einem negativen Sinne – eine Kette von versuchten Renaissancen und Wiederentdeckungen, ein Projekt permanenter Auseinandersetzung. 


Artikel zuletzt geändert am 24.07.2011


Verfasser: HJW


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