Lexikon der Filmbegriffe

Trivialfilm

von lat. trivium = Dreiweg, Wegkreuzung; alles, was auf der Straße zu finden ist

In der Literaturwissenschaft wird „Trivialliteratur“ meist gleichbedeutend mit „Unterhaltungsliteratur“ gebraucht, ist aber pejorativ besetzt und meint eine Gattung von Schemaliteratur, die sich durch strikte Klischeehaftigkeit, die Verwendung von Kitsch-Dramaturgien zur Herstellung von Rezeptions-Effekten, die Simplifizierung und u.U. willentliche Deformation gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte zugunsten einfachster Gesellschafts- und Konfliktlösungsmodelle auszeichnet.
Auch im Film wird der Begriff „Trivialfilm“ meist im Diskurs über den ästhetischen oder moralischen Wert von Filmen verwendet. Wenn seinerzeit der zuständige WDR-Programmbereichsleiter Günter Rohrbach die vierteilige Serie Holocaust (USA 1978) im Vorfeld der Ausstrahlung einen „Trivialfilm“ voller „Simplifizierungen“ nannte, sich die Serien-Kommission der ARD gar über die „indiskutable Qualität“ des Dramas mokierte und es erst 1979 zu einer Ausstrahlung in den Dritten Programmen kam, so hatte doch niemand mit dem außerordentlichen Echo gerechnet, das der Film auslöste: Zwei Drittel aller Zuschauer, ermittelten die Demoskopen, seien „erschüttert“ gewesen; fast die Hälfte habe „Scham empfunden“. Ein Großteil des Publikums reagierte freilich so, als habe es durch diese Serie eben erst erfahren, was den europäischen Juden angetan worden war.
Wie der Trivialliteratur neben der Verbreitung vereinfachter, falscher oder auf Vergangenes ausgerichteter Weltbilder und Wertvorstellungen vorgeworfen wird, sie mit Funktionen wie Flucht vor der Wirklichkeit (Eskapismus) verbunden wurde, gehört auch der Begriff „Trivialfilm“ in einen medienkritischen Zusammenhang. Dass das Triviale allerdings einen bedeutsamen Zugang zu den imaginären Energien einer Zeit – vor allem nach den Wunschorientierungen oder Hoffnungspotenzialen – eröffnet, steht ebenso außer Zweifel. Wenn also der „Heimatfilm“ als Trivialfilm-Genre bezeichnet wird, bleibt die Frage, mit welchen psychosozialen Voreinstellungen der ungemeine Erfolg des Genres in den 1950er Jahren erklärt werden kann, unbeantwortet.

Literatur: Fiske, John: Understanding popular culture. Boston [...]: Unwin Hyman 1989. – Ueding, Gert: Glanzvolles Elend. Versuch über Kitsch und Kolportage. Frankfurt: Suhrkamp 1973.

Referenzen:

Camp

Crowd pleaser

Giallo

Kitsch / Kitschfilm I: Phänomenologie

Kitsch / Kitschfilm II: Ästhetik

Pilcherisierung

Schinken


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HJW


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