Lexikon der Filmbegriffe

Vierte Wand

engl. fourth wall; Guckkastenbühne

Die Metapher der „vierten Wand“ bezieht sich auf die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum. Sie kam im realistischen Schauspielstil des späten 19. Jahrhunderts auf. Die Geltung der Metapher bedingt zweierlei: Zum einen verhalten sich die Figuren, als sei die Öffnung nicht vorhanden und agierten sie in einem geschlossenen Raum, der nur zufällig wie ein Puppenhaus einseitig einzusehen ist. Die Akteure agieren also so, als sei das Publikum nicht vorhanden und finde das Spiel in einer eigenen Realität statt. Zum anderen sind diegetische und äußere Realität scharf gegeneinander abgesetzt; der Blick ins Publikum (in die Kamera) ist in diesem Stil ebenso verpönt wie die unmittelbare Ansprache des Publikums, metadiegetische Seitenbemerkungen oder auch der ans Publikum gewendete innere Monolog, weil damit die Illusion der geschlossenen Diegese aufgehoben würde. Trotz dieser Forderung, das Spiel so zu gestalten, als sei kein Zuschauer anwesend, ist die Aktion immer zum Publikum hin geöffnet und so ausgeführt, dass der Zuschauer genau das zu sehen bekommt, was er zu sehen bekommen soll (manchmal wird diese Regel auch das „Prinzip der Frontalität“ genannt).
Es hat eine ganze Reihe von Versuchen gegeben, die vierte Wand einzureißen, die Trennung von Spiel- und Publikumswelt aufzuheben (breaking the fourth wall) – Ansprachen an das Publikum, Tanz- und Gymnastik-Übungen für ein Publikum, der Revolver, der sich am Ende von The Great Train Robbery (1903) oder Spellbound (1945) unmittelbar zur Kamera hin dreht. Insbesondere das Programm eines Aufklärungstheaters im Stile Brechts forderte über diese punktuellen Brüche der Regel die grundsätzliche Missachtung oder Aufhebung der „vierten Wand“, um die Übertragung dessen, was auf der Bühne geschieht, zum Zuschauer zu erleichtern. 

Referenzen:

Adressierung

Beiseitesprechen

Blick in die Kamera

breaking the fourth wall

Direktadressierung

Direktadressierung: Hollywood


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: HJW


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