Lexikon der Filmbegriffe

Dystopie: Filmgeschichte

In der Science Fiction handeln zahllose Filme von den dystopischen Potentialen der Technik- und Sozialentwicklung; da ist insbesondere die Rede von Machtverhältnissen, die zu Totalitarismusformen, vor allem auch zu Wirtschaftsdiktaturen führen; im Kriegsdrama ist immer wieder der Werteverfall unter dem Vorzeichen des Krieges dargestellt worden, das Überhandnehmen antisozialer Impulse über das Handeln der Akteure; seltener sind Dystopien in der Komödie behandelt worden - und dann in aller Regel als Satiren (wie in The Bed-Sitting Room / dt.: Danach, Großbritannien 1968, Richard Lester), unter Rückgriff auf indirekte Erzählformen (Parabel, Allegorie, Satire). Dystopien sind insofern von Gesellschafts- oder Systemkritik durchzogen, als sie den retardierten bzw. verrottenden Zustand von vorgeführter Welt und Menschheit beklagen oder aber auch eine hochtechnisierte und angepasst-durchorganisierte Welt entwerfen, deren vorgeblich progressives soziologisches Modell als in Wirklichkeit unzivil, antihuman, mörderisch und letztlich nicht lebenswert gebrandmarkt wird.
Viele Dystopien beginnen als scheinbar positiv gestimmte naive oder auch funktional-elitäre Utopien und lassen erst allmählich gefährliche Mängel und irreparable Schäden an Umwelt, Gesellschaft und Zivilisation in den Vordergrund treten (etwa der Pseudo-Hedonismus in der TV-Verfilmung von Aldous Huxleys Brave New World, 1980, Burt Brinckerhoff; Remake, 1998, Leslie Libman & Larry Williams; auch als mikrokosmisches Experiment auf Zeit in The Beach, Großbritannien 2000, Danny Boyle). Besonders ausgeprägt und drastisch ist dagegen das Modell als Endzeitvision – ein beklemmend düsterer Extremfall der Dystopie, in dessen Zentrum nicht einfach nur die Verschlechterung der Welt, sondern ihr apokalyptischer Untergang steht. 

Beispiele: Metropolis (Deutschland 1926, Fritz Lang); Fahrenheit 451 (Großbritannien 1966, François Truffaut); Soylent Green (USA 1973, Richard Fleischer); La Mort en direct (Frankreich/BRD 1979, Bertrand Tavernier); Quintet (USA 1979, Robert Altman); Stalker (BRD/UdSSR 1979, Andrej Tarkovskij); Blade Runner (USA 1982, Ridley Scott); BRAZIL (Großbritannien 1984, Terry Gilliam); The Handmaid‘s Tale (USA/BRD 1990, Volker Schlöndorff); Strange Days (USA 1995, Kathryn Bigelow); Gattaca (USA 1997, Andrew Niccol).

Literatur: Beuka, Robert A.: Utopia, dystopia, heterotopia: the suburban landscape in twentieth-century American culture and thought. In seinem: SuburbiaNation: reading suburban landscape in twentieth-century American fiction and film. New York: Palgrave Macmillan 2004, S. 1-22. – Klinger, Barbara: The road to Dystopia: landscaping the nation in Easy Rider. In: Cohan, Steven / Hark, Ina Rae (eds.): The road movie book. London / New York: Routledge 1997, S. 179-203. - Penley, Constance: Time travel, primal scene, and the critical dystopia. In: Camera obscura 15, 1986, S. 67-84. Mehrfach nachgedruckt. – Williams, Linda Ruth: Dream girls and mechanic panic: dystopia and its others in Brazil and Nineteen Eighty-Four. In: Hunter, I.Q. (ed.): British science fiction cinema. London/New York: Routledge 1999, S. 153-168.
 

Referenzen:

Dystopie

Dystopie: Themen


Artikel zuletzt geändert am 17.01.2012


Verfasser: PB LK


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