Lexikon der Filmbegriffe

Perestrojka

Der Begriff meint „Umbau/Umgestaltung“ und wird für die von Michail Gorbatschow auf dem April-Plenum des Zentralkomitees der KPdSU 1985 eingeleitete grundlegende Wende im gesamten politischen System der Sowjetunion gebraucht. Das Ziel der Reformen war, Bewegung in das paralysierte und inflexible politische, ökonomische und bürokratische System zu bringen und die Sowjetunion wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu machen. Eine der wichtigsten Begleiterscheinungen dieser Veränderungen war die Tendenz zu mehr Transparenz, Offenheit und Informationsfreiheit, die als notwendige Voraussetzung für die Mitarbeit der Bevölkerung angesehen und die im Russischen mit dem Wort Glasnost’ ausgedrückt wurde. Zuvor unter Verschluss gehaltene Belange werden nun in und mit der Öffentlichkeit diskutiert, außerdem wurde die öffentliche Kritik am Staat in einem nie gekannten Ausmaß möglich.
Die sowjetischen Filmemacher und -macherinnen beteiligten sich unmittelbar an diesem Diskurs, indem sie ihn selbst thematisierten oder aber Fragen stellten, die vor der Perestrojka undenkbar gewesen wären und einen Film zum Zensurfall gemacht hätten. Klassendifferenzen in der (vorher qua Doktrin klassenfreien) Sowjetunion oder Identitätsprobleme insbesondere junger Sowjetbürger tauchen vermehrt auf und werden offen auf den Tisch gelegt, oft als harsche Kritik an einem Gemeinwesen, das Jugendliche weder intellektuell noch emotional integrieren kann. Die Filme erheben einen expliziten Anspruch auf Systemkritik, und jahrzehntelang unter Verschluss gehaltene „Regalfilme“ (wie Komissar, dt.: Die Kommissarin, 1967, UA: 1988, Aleksandr Askoldov; Dolgiye provody, dt.: Lange Abschiede, 1971, UA 1987, Kira Muratowa) gelangten endlich in die Kinos. Mit der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 entfällt auch der Rahmen für die Thematisierung der Perestrojka.
Als Motiv ist die Perestrojka vor allem im sowjetischen Kino ein kaum zu unterschätzendes Thema; ausländische Filme nehmen es weitaus seltener auf oder begnügen sich mit flüchtigen Skizzierungen. (PB/OS)

Beispiele: Dissident (Waleriu Scheregi, 1988); Malenkaya Wera (Wassilij Picul, 1988); Nebessa obetowannije (Eldar Rjazanow, 1991); Monanieba (aka: Pokajanije, Tengiz Abuladze, 1985).

Literatur: Gorbatschow, Michail (1999) Meine Vision. Die Perestroika in den neunziger Jahren. So geht es weiter. Ausgewählt und herausgegeben von Hartmut Nawotny. 2., vollständig veränderte und erweiterte Auflage. Horizonte Verlag GmbH 1990. – Brändli, Sabina / Ruggie, Walter (Hrsg.) (1990) Sowjetischer Film heute. Baden: Müller 1990. – Engel, Christine (Hrsg.) (1999) Geschichte des sowjetischen und russischen Films. Unter Mitarbeit von Eva Binder, Oksana Bulgakova, Evgenij Margolit und Miroslava Segida. Stuttgart/Weimar: Metzler 1999. – Horton, Andrew / Brashinsky, Michael: The Zero Hour. Glasnost and Soviet Cinema in Transition. Princeton, N.J.: Princeton University Press 1992.

Referenzen:

Telebrücke


Artikel zuletzt geändert am 20.12.2012


Verfasser: PB OS


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