Lexikon der Filmbegriffe

planting

dt.: Säen; auch: Plazieren; oft im Doppel: Säen und Ernten, Plazieren und Ernten; engl. manchmal auch: Setup; gelegentlich auch (in Anlehnung an die dramaturgische Nutzung des Prinzips in den Dramen Tschechows): „Chekhov’s gun“ (= „Tschechows Pistole“)

Begriff aus der Drehbuchpraxis: Jedes Element der erzählten filmischen Welt muss eingeführt werden, und je wichtiger es im Verlauf der Handlung werden wird, desto mehr Sorgfalt wird auf seine Einführung – das Planting eben – verwendet. In aller Regel werden Elemente zunächst beiläufig gesetzt, um erst im zweiten Schritt handlungsfunktionell eingebunden zu werden. Die Elemente der Filmwelt formieren den Hof der Möglichkeiten, in die sich das Geschehen entwickeln kann. Die Pistole, die der Held zu seiner und der Schönen Rettung aus dem Nähkästchen zieht, ist lange vorher schon – aber beiläufig, wie zufällig, ohne für die Handlung von Bedeutung zu sein – gezeigt worden, sie gehört schon zur erzählten Welt. Platzierungen tragen dazu bei, eine Geschichte homogener und dichter zu machen, weil der Zuschauer sie semiotisch erleben kann, wenn er dazu gezwungen ist, Informationen aus dem Verlauf der Geschichte aufzubewahren, sie zu variieren, sie für spätere Bedeutung aufzubereiten. Dem Zuschauer ist die Orientiertheit aller Elemente einer Geschichte in das hinein, was erst später geschehen wird, durchaus bewusst, deshalb muss das Planting umso sorgfältiger erfolgen: Werden sie überdeutlich gesetzt, wirken sie banal.
Ein Sonderfall sind die „falschen Fährten“, die Erwartungstätigkeit in die falsche Richtung lenken. Hier entstehen echte Rezeptionsüberraschungen, wenn das Ernten eines gesäten Elements anders erfolgt als erwartet.
Es liegen mehrere Konzepte des Planting vor: (1) Planting als globale Strategie der Informationsvergabe (vor allem in den Arbeiten Eugene Vales); (2) Planting als Strategie, emotionale Höhepunkte (payoffs) vorzubereiten (wie bei McKee); (3) Planting als Strategie der Einführung handlungsfunktioneller Elemente (vor allem Howard/Mabley).
Ein Beispiel ist ein Giftfläschchen in Gloomy Sunday (BRD 1999, Rolf Schübel), das zunächst als Selbstmordmittel des ersten Mannes eingeführt wird; sodann kehrt es wieder als Mittel des zweiten Mannes, der das Fläschchen seinerzeit an sich genommen hatte, um den Freund zu schützen, sich der Verhaftung und Deportation durch die Deutschen zu entziehen; die Frau, die das Fläschchen gefunden hat, verwendet es fünfzig Jahre später, um den Deutschen, der so viel Unglück verursacht hat, zu töten.

Literatur: Howard, David / Mabley, Edward: The tools of screenwriting. A writer‘s guide to the craft and elements of a screenplay. New York: St. Martin‘s Press 1993. – McKee, Robert: Story. Substance, structure, style, and the principles of screenwriting. New York: Regan Books 1997. Mehrere Neuausgaben. – Vale, Eugene: Die Technik des Drehbuchschreibens für Film und Fernsehen. 3. Aufl. München: TR-Verlagsunion 1987.

Referenzen:

falsche Fährte

falscher Alarm

roter Hering

semantische Dichte


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


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