Lexikon der Filmbegriffe

Folklore im Film

Folklore im traditionellen Sinn dient als filmisches Motiv nicht zuletzt zur Herstellung von Exotik und einer darauf beruhenden Distanz des Zuschauers zu dem, was auf der Leinwand dargestellt ist: Die Lust am Kino ist seit jeher auch die Lust auf fremde Welten und alternative Lebensweisen, und um diese darzustellen, wird gerne auf sogenannte „Folklore“ zurückgegriffen. Das Folkloristische spielt für die Repräsentation fremder Kulturen, aber auch älterer Vorstellungen der europäischen Kulturen eine wichtige Rolle. Meist handelt es sich dabei um Klischees: Es werden mit Vorliebe solche „folkloristischen“ Phänomene gezeigt, die über eine Kultur weidlich bekannt sind und einen großen Wiedererkennungs-Effekt haben. So verzichten Filme über afrikanische Ethnien oder Südsee-Kulturen, von Murnaus Tabu (1931) bis zu Abenteuerfilmen wie Allan Quatermain and the Lost City of Gold (1987), selten auf die obligatorischen schamanistischen Tänze, auf Trommelmusik und die typischen Baströckchen oder Masken. Kaum ein Orientabenteuer der 1940er und 1950er Jahre, in dem eine Bauchtanz-Szene fehlte. Im deutschen Heimatfilm tragen die Damen adrette Dirndl, die Herren üben sich im Schuhplattler. Und wenn es Filmhelden nach Rio verschlägt, wie James Bond in Moonraker (1979), dann zur Zeit des berühmten Karnevals. Angesichts der zahllosen Beispiele nimmt es nicht wunder, wenn man das Folkloristische als eine entfremdete, auf Schauwerte hin orientierte Transformation des Volkstümlichen ansieht, sie eher als Ausbeutung des Volkstümlichen denn als lebendige Transformation auffasst.
Nur wenige Filme versuchen, über die Imitation eines folkloristischen Aussehens hinauszugehen und sich in die Erzähl- und Denkwelt anderer Kulturen oder älterer, v.a. ländlicher Gemeinschaften einzulassen – auf diese Weise den Eindruck der Fremdheit vertiefend, ohne dabei die Dargestellten wie in einem Museum vorzuführen. Ein Beispiel ist der französische TV-Film La Tuile à Loups (dt.: Wolfsziegel, 1972, Jacques Ertaud). Derartige Filme gehen auch über den ethnographischen Film hinaus, der versucht, sich dokumentarisch fremden Kulturen und ihren Bräuchen anzunähern, dabei aber immer die Distanz zum Dargestellten bewahrt.

Literatur: Levine, Lawrence W.: The folklore of industrial society: popular culture and its audience. In: The American Historical Review 97,5, 1992, S. 1369-1399. – Sherman, Sharon R.: Visions of ourselves: filming folklore, present and future. In: Western Folklore 50,1, 1991, S. 53-63.

Referenzen:

Folklore: Film als Folklore

Folklore im Film: Musik


Artikel zuletzt geändert am 29.01.2012


Verfasser: FKL


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