Lexikon der Filmbegriffe

Grounded Theory

dt. manchmal: gegenstandsbezogene Theorie; auch: empirisch begründete Theoriebildung

Grundanliegen der Grounded Theory ist, Theorien nicht abstrakt, sondern in möglichst intensiver Auseinandersetzung mit einem konkreten Gegenstand zu entwickeln. Der Sozialwissenschaft entstammend, radikalisiert sie den Typus der „explorativen Analyse“, die nun selbst als objektbezogenes Verfahren der Theoriebildung fungiert. Die Idee war – wissenschaftstheoretisch naiv, forschungspragmatisch aber durchaus fruchtbar –, Theorien sozialer Prozesse in enger Tuchfühlung mit den Besonderheiten jeweiliger sozialer Realitäten zu erarbeiten. Grounded Theory gehört bis heute zum Paradigma der qualitativen Sozialforschung und kann im Bereich des Films und der Medien als qualitatives Verfahren eingesetzt werden, Nutzungs- und Interpretationsmuster von Zuschauern und Zuschauergemeinschaften sowie deren innere Widersprüche „von innen heraus“ zu modellieren. Das Verfahren besteht im Wesentlichen in der Codierung von (qualitativen) Daten (Rezeptionsäußerungen, Gesprächen, schriftlichen Befragungen und ähnlichem) und der dabei erfolgenden Generierung von Kategorien der Beschreibung, die wiederum theoriefähig sind. Dabei wird eine Folge von Arbeitsschritten erledigt: (1) Datenerhebung; (2) Codieren = Bildung von Kategorien und die Zuordnung von Daten (Indikatoren) zu diesen; (3) Kontrastieren (constant comparison) von Fällen zum Zweck der Überprüfung der Reichweite der bislang entwickelten Kategorien; (4) Theoretical Sampling = Kontrolle der Fallauswahl mit dem Ziel, neue Vergleichsfälle zu generieren; (5) Memos = Festhalten von Ideen, Notizen, Kommentaren. Anhand der Memos soll im Verlauf der Forschung letztlich die Theorie entwickelt werden. Das Verfahren ähnelt in manchem den Ansätzen wissenssoziologischer oder ethnomethodologischer Forschung oder auch der Konversationsanalyse, erweckt aber durch die Fixierung auf das Codieren den Eindruck einer starken Mechanisierung der Analyse.

Literatur: Glaser, Barney G.: Basics of grounded theory analysis: emergence vs forcing. Mill Valley, Ca.: Sociology Press 1992. – Strauss, Anselm / Corbin, Juliet: Basics of qualitative research: grounded theory procedures and techniques. Newbury Park: Sage 1990. – Lewis, Charles: Making sense of common sense: a framework for tracking hegemony. In: Critical Studies in Mass Communication 9,3, 1992, S. 277-292. – Madill, Anna: EastEnders. Texts of Female Desire and of Community. In: International Journal of Cultural Studies 6,4, 2003, S. 471-494. – Pace, Stephen: A grounded theory of the flow experiences of web users. In: International Journal of Human-Computer Studies 60,4, 2004, S. 327-363.


Artikel zuletzt geändert am 01.08.2011


Verfasser: HJW


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