Lexikon der Filmbegriffe

paralleles Kino

Unter dem russischen Parallelen Kino wird eine Gruppe von Filmemachern verstanden, die seit Anfang der 1980er Jahre in Moskau und St. Petersburg außerhalb der staatlichen Kinematographie ihre Filme realisierten und erst durch die Perestrojka die Möglichkeit bekamen, an die Öffentlichkeit zu gelangen. Dabei standen weder die Filme noch die Filmschaffenden selbst im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses, sondern eher die Tatsache, dass sie aus dem Underground kamen und somit anders als die Regisseure des offiziellen Kinos waren. Bezeichnend für diese Künstlergruppe war das gemeinsame Thematisieren von gesellschaftlichen Tabus (Ideologiekritik, Gewalt, Tod, Homosexualität) sowie das Bestreben, ein individuelles ästhetisches Programm zu verwirklichen, das keine Rücksicht auf den Zuschauer und filmische Traditionen nahm. In Russland verbindet man mit dem Parallelen Kino vor allem fünf Namen: Igor‘ und Gleb Alejnikov, Evgenij Jüfit, Evgenij Kondrat‘ev und Boris Juchanov. Innerhalb dieser Bewegung bildeten sich neue Tendenzen wie Nekrorealismus und kleinere Künstlergruppen wie M alalafilm, Severnyj poljus und Če-paev heraus.
Als offizielles Geburtsdatum des Parallelen Kinos gilt das Jahr 1985, als durch Mittel der Autoren die Zeitschrift Cine Fantom ihre Erstauflage erlebte. Der Höhepunkt dieser künstlerischen Periode war das erste Cine Fantom-Festival 1987 in Moskau.1988 wurde in St. Petersburg und Moskau von den Regisseuren des Parallelen Kinos die „Unabhängige Akademie der Künste“ gegründet.

Literatur: Drubek-Meyer, Natascha: Parallele Phantome: Traktoristen II (1992) der Brüder Alejnikov. In: Balagan 1,1, 1995, S. 123-131. – Kisina, Julia: Kurz zum parallelen (Kino). In: Balagan 2,1, 1996, S. 123-125. – Ljalina, Olga: Russischer Film-Underground 1984-1994: das ‚parallele Kino‘. In: Balagan 1,1, 1995, S. 132-140. – Rollberg, P.: Leichen im Zustand fortgeschrittenen Zerfalls: ‚Paralleles Kino‘ und ‚Nekrorealismus‘. In: Ästhetik und Kommunikation, 83, 1993, S. 80-87.

Gruppe Če-paev

Referenzen:

Nekrorealismus


Artikel zuletzt geändert am 08.02.2012


Verfasser: OS


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