Lexikon der Filmbegriffe

Kriegsberichterstatter

auch: Frontreporter, Kriegsbildberichterstatter, Frontfilmer, Frontkameramann

Nach allgemeiner journalismusethischer Ansicht ist es die Aufgabe der Journalisten, die Öffentlichkeit über Sachverhalte oder Vorgänge zu informieren, deren Kenntnis von allgemeiner, politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Bedeutung ist. Damit tragen sie als sogenannte ‚vierte Gewalt‘ zum Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung bei. Kriegsberichterstatter sind Journalisten, die aus Kriegs- und Krisengebieten berichten.
Das Bedürfnis nach umfassenden Informationen brachte bereits 1854 die Form der journalistischen Kriegsberichterstattung hervor. Damals wurde Sir William Howard Russell von der Londoner „Times“ auf die Krim geschickt, um von dem dortigen Kriegsgeschehen zu berichten. Er löste dabei die jungen Offiziere ab, die traditionell angewiesen waren, Kriegsberichte in die Heimat zu schicken. Bereits im folgenden US-amerikanischen Sezessionskrieg gab es weit über 500 Kriegsberichterstatter, die mit den heimatlichen Truppen mitzogen. Dabei stand allerdings nicht mehr nur die objektive Berichterstattung im Vordergrund, sondern vor allem das Interesse der Verleger, eine möglichst hohe Auflage zu verkaufen. Bis zum Ersten Weltkrieg kam es zur Institutionalisierung des Berufs des Kriegsberichterstatters – vor allem Großbritannien und Frankreich bauten große Propagandaapparate zur „geistigen Kriegsführung“ auf. Im Zweiten Weltkrieg lagen ganze „Propaganda-Kompanien“ an der Front, die alle am Öffentlichkeitsapparat beteiligten Medien mit aktuellen und authentischen Bildern und Berichten versorgten. Der Vietnamkrieg (1963-1973) - der „Krieg im Wohnzimmer“ – war der erste (und bisher einzige) Krieg ohne offizielle Zensur - mit fatalen Konsequenzen für das öffentliche Ansehen der US-Truppen und ihres Einsatzes; schon 1967 arbeiteten 700 Journalisten und Reporter in Vietnam, die die internationale Anti-US-Kampagne mit aktuellen Bildern unterstützen konnten. Nach dem öffentlichen Desaster von Vietnam finden seitdem Kriege und Konflikte ohne journalistische Zeugen statt – resp. vor solchen, die sich schon im Vorfeld der Kontrolle durch die Kriegführenden unterworfen haben: Journalisten erhalten als exklusive Zeugen Zutritt zum Geschehen (embedded journalists), wenn sie sich umgekehrt verpflichten, ihre Produkte zensieren zu lassen.
Im Film ist die Rolle des Kriegs(bild)korrespondenten mehrfach durchgespielt worden (The Story of G.l. Joe, USA 1945, William Wellman; Die Fälschung, BRD 1981, Volker Schlöndorff; Welcome to Sarajewo, Großbritannien 2000, Michael Winterbottom). Immer wieder steht der Kriegsreporter in Distanz zum Geschehen, als Zyniker oder als Moralist; und er gerät auf die Seite der Feinde (wie in Under Fire, USA 1983, Roger Spottiswoode), wenn es moralische Pflicht wird, die Macht der Medien zu einem politisch oder humanitär vertretbaren Ziel einzusetzen. So sehr er als Berichterstatter außerhalb des politischen oder militärischen Konflikts steht, so wenig kann er sich den Verhältnissen entziehen, ist zur Stellungnahme gezwungen. Diese in sich widersprüchliche Sonderposition behandeln auch die Dokumentarfilme zum Thema (Veillées d'Armes, Frankreich 1994, Marcel Ophüls; War Photographer, Schweiz 2001, Christian Frei).

Literatur: Knightley, Phillip: The first casuality. Correspondents in War. London: Purnell Book 1965. – Holzer, Anton (Hrsg.): Mit der Kamera bewaffnet. Krieg und Fotografie. Marburg: Jonas 2003. – Sontag, Susan: Das Leiden anderer betrachten. München [...]: Hanser 2003.


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: JH


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