Lexikon der Filmbegriffe

Satire

von lat. satur = satt, befriedigt, fruchtbar, voll, reichhaltig; in Verbindung mit lat lanx = Schüssel; etwa als ‚eine mit allerlei Früchten gefüllte Schüssel‘

Ursprünglich eine Spott- und Strafdichtung, eine boshafte oder boshaft-kritische und humorige Verspottung von Missständen, Unsitten, Anschauungen, Ereignissen, Personen, künstlerischen Werken u.ä., ist die Satire meist auf wenige Stilmittel und Strategien der Verspottung fundiert: Reduzierung des kritischen Sachverhalts auf seinen negativen Kern; Gegenüberstellung verschiedener gesellschaftlicher Ebenen, die sich gegenseitig kommentieren und entlarven; Verlagerung bestimmter Verhaltensformen in Zusammenhänge, in denen sie unsinnig werden; Übertreibung bestimmter Charakteristiken einer Figur oder Gesellschaftsschicht. Robert Altmans M.A.S.H. (1969) als eine der bekanntesten Kriegssatiren lässt die Figuren ihren Einsatz im Fronthospital als eine Art von Jugendfreizeit und als einen konsequenten Rückfall in pubertäre Verhaltensmuster durchexerzieren. Verbunden ist diese Verrückung mit einer strikten Orientierung der Helden auf ausgestellte konsumistisch-hedonistische Erlebensformen.
Die Beispiele der Gattung im Film sind breit gestreut und reichen von Chaplins Industrialisierungskritik Modern Times (1936) über die Geheimdienst-Verulkung in The President‘s Analyse (1967) bis zu Nanni Morettis absurder Polit-Parabel Palombella rossa (dt.: Wasserball und Kommunismus, 1989) oder der zynischen Verfilmung der Affäre der Hitler-Tagebücher (in Schtonk!, 1992, Helmut Dietl).
Die Erzählformen der Satire umfassen beißenden Spott, mitunter schwarzen Humor, Sarkasmus oder Ironie und gelegentlich bitteren Zynismus. Anders als die Komödie hat die Satire nicht das befreiende oder versöhnende Lachen zum Ziel, sondern die Einsicht des Publikums in die Fehler oder Lächerlichkeiten des Systems; damit ist ihr etwas Thesenhaft-Didaktisches eingeschrieben. Sie nimmt deutlichen Bezug auf die kritisierte Wirklichkeit, auch wenn sie oft so geschickt verkleidet ist, dass sie die Zensur passieren kann (wie Jiri Menzels Skrivránci na nittich / dt.: Lerchen am Faden, 1969). Insofern ist sie weniger fiktional als die Komödie und wird nur einem Publikum verständlich, dass diese Wirklichkeit auch kennt. Die Satire verzichtet bewusst auf psychologische Konfliktentwicklungen und erschwert die Möglichkeit emotionaler Identifikation.

Literatur: Beiträge zu Fragen der Filmkunst (Ost-Berlin) 6, 1954: Über die Satire im Film. – Bishop, Ellen: Film frames: cinematic literacy and satiric violence in contemporary movies. In: Post Script: Essays in Film and the Humanities 16,2, 1997, S. 18-34. – Jennings, Karen / Cook, Jackie: Progressive D-generation: satire and the gendering of Australian current affairs television on Frontline. In: Continuum 10,2, 1996, S. 26-43. – MacCaffrey, Donald W.: Assault on society. Satirical literature to film. Metuchen, N.J. [...]: Scarecrow Press 1992. – McEntee, Jason T.: The novel-to-film translatability of satire in the The Day of the Locust and Wise Blood. In: Quarterly Review of Film and Video 17,3, 2000, S. 229-243.
 

Referenzen:

Farce

Kontrafaktur

Mediensatire

Parodie

Travestie (1)

Travestie (2): Transvestismus


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: PB HHM


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