Lexikon der Filmbegriffe

Semiosphäre

Gegenüber allen Zeichentheorien, die vom einzelnen Zeichenbenutzer, dem Einzelzeichen oder dem einzelnen Kode ausgehen, stellt das Modell der Semiosphäre die Gesamtheit aller gleichzeitig gegebenen Zeichenbenutzer, Texte und Kodes einer Kultur als semiotischen Raum in das Zentrum der Beschreibung. Die Semiosphäre regelt nach Lotman – analog zur Biosphäre – alle in ihr befindlichen Bedeutungen. Sie grenzt sich durch die Regeln zur Erzeugung von Bedeutungen von anderen Semiosphären ab. Das der russischen Text- und Kultursemiotik entstammende Modell versucht, die Einheit einer Kultur als Einheit des Semiotischen zu fassen. Diese ist gekennzeichnet durch ihre Besonderheit gegenüber allen anderen Semiosphären, durch ihre Homogenität, den Gegensatz von Innen und Außen des semiotischen Raums und die Ungleichmäßigkeit in der Struktur des Inneren. Die Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren einer Semiosphäre ist durch die gegenseitige Fremdheit der Zeichenbenutzer, Texte und Kodes gekennzeichnet, wird langfristig aufrechterhalten und ist durch Übersetzungsprozesse nur partiell überwindbar. Das Innere ist ungleichmäßig und gliedert sich in einen Kernbereich und in zur Peripherie hin zunehmend amorpher werdende Bereiche; die Differenz von Zentrum und Peripherie ist verantwortlich für die innere Dynamik der Semiosphäre. Im Kernbereich befinden sich die dominierenden Zeichensysteme, die für die Mitglieder einer Gemeinschaft verbindlich sind. Zur Peripherie gehören Zeichenbenutzer, die sich auf Kodifizierungen berufen, die keine allgemeine Geltung haben, Texte, die unverständlich sind, weil ihre Kodes verlorengegangen oder esoterisch (geworden) sind, und Kodes, die idiosynkratisch, heterogen und fragmentarisch sind. Der Austausch zwischen Innerem und Äußerem sowie zwischen Kernbereich und Peripherie führt zur Schaffung neuer Kodes, zur Produktion neuer Arten von Texten und zu Veränderungen bei den Zeichenbenutzern, die sie für neuen Sinn empfänglich machen.
Diese kultursemiotische These ist mehrfach auf die möglichen Leistungen multimedialer Verständigungspraxen angewendet worden – wobei es durchaus zweifelhaft ist, ob „Multimedia“ lediglich ein Phänomen des Zusammenspiels mehrerer semiotischer Systeme ist (also auf der Kombinierbarkeit der semiotischen Mittel beruht), oder ob es sich dabei um eine qualitative Veränderung der semiotischen Grundlagen der Kultur dreht, aus der eine neue gemeinsame Semiosphäre entstehen könnte.

Literatur: Lotman, Yuri: O semiosfere. In: Trudy po znakovym sistemam. 17. Tartu 1984. Repr. in: Izbrannye stat’i v trech tomach. Tom 1: Stat’i po semiotike i tipologii kul’tury. Tallin 1992. Dt.: Über die Semiosphäre. In: Zeitschrift für Semiotik 12,4, 1990, S. 287-305.


Artikel zuletzt geändert am 22.07.2011


Verfasser: HJW


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