Lexikon der Filmbegriffe

Gattung

In der formalistischen Literaturtheorie evolutives System, das den jeweiligen Texten als „Resonanzboden“ (Tynjanov) dient. In der Anwendung des Begriffs auf den Film lassen sich drei Untersuchungsebenen unterscheiden: (1) Gattung als kanonisches Muster, welches das Verhältnis von Sujet und Fabel und die Auswahl besonderer Figuren, Kulissen, Requisiten usw. festlegt; (2) Gattung als rezeptionssteuerndes Regulativ, das bestimmte Erwartungshaltungen beim Publikum evoziert; (3) Gattung im Sinne einer Genregeschichte, deren Entwicklung und Dynamik anhand einzelner Filmgattungen nachgezeichnet werden. Etablierte Gattungsbezeichnungen wie „Filmdrama“ oder „Filmroman“ wurden von den Formalisten präzisiert und Spezifika einzelner Filmgattungen wie z.B. der Slapstick-Komödie herausgearbeitet. Gattungsspezifische Merkmale wurden dabei auch in ihrem kulturgeschichtlichen Kontext thematisiert; beispielhaft dafür ist Piotrovskijs Untersuchung des sowjetischen Melodramas, das sich, ausgehend von textuellen Bausteinen des amerikanischen Melodramas, als eigenständige Gattung entwickelt. 

Literatur: Piotrovskij, A.: Zur Theorie der Filmgattungen. In: Poetik des Films. Hrsg. v. Wolfgang Beilenhoff. München: Fink 1974, pp. 100-118.


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: WB


Zurück