Lexikon der Filmbegriffe

Hexe / Hexenfilm

Aus populären abergläubischen Vorstellungen im Europa des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit bis ins 18. Jh. entwachsene Vorstellung von Frauen und (seltener) Männern, die durch einen Teufelsbund übernatürliche Kräfte gewinnen und Schadenszauber ausüben. Die Zuschreibung „Hexe/Hexer“ bezieht sich auf nahezu alle Vorkommnisse oder Phänomene, zu der die jeweilige Kultur keine rationale Erklärung findet: So gelten Individuen als „verhext“, die abweichendes Verhalten an den Tag legen, ferner bezieht sich das Prädikat auf erkrankte Tiere, unfruchtbare Frauen, erotisch verführte Männer etc. Hexengeständnisse werden häufig mit Gewalt und Folter erpresst, Hexenprozesse enden in der Regel mit der Verurteilung zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Viele Filme benutzen das Motiv zeichenhaft, um das Funktionieren ideologischer Verblendung oder fanatischer Religion darzustellen und auf diese Art Systemkritik zu üben.
Es gibt mehrere Ansätze, den Hexenfilm als Auseinandersetzung mit der Veränderung der Geschlechterrollen in Verbindung zu bringen. (1) Psychoanalytische Studien argumentieren auf der Basis des Freudschen Ödipus-Theorems: Hexenfilme inszenierten das Modell der bösen Mutter, das beim (vor allem: männlichen) Zuschauer die unverarbeitete frühe Mutter-Kind-Beziehungsdynamik wieder aufleben lasse und in dem sich einstellenden mit Angst-Lust besetzten Filmerleben für Triebabfuhr (“filmischer Reinigungsprozess”) sorge. (2) Feministische Studien gehen davon aus, dass Hexenfiguren in der filmischen Präsentation der männlichen Kontrolle unterworfen würden, ins Zentrum der Narration rücke die Viktimisierung und Verfolgung der als Hexen stigmatisierten Frauen. (3) Sozialwissenschaftliche Interpretationen thematisieren gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die für Konjunkturen des Hexenthemas im Medium Film sorgen: So hätte die Emanzipationsbewegung der Frauen in den 1960er und 1970er Jahren zu einer Bedrohung der gesellschaftlichen Stellung der Männer geführt, die begleitend eine forcierte Produktion von Hexenfilmen, vor allem im Rahmen des Horrorfilm-Genres, ausgelöst hätte.

Literatur: Arend, Wolfgang / Neumann-Braun, Klaus: Filmmythos Hexe und Mythos Hexenfilm – eine kommentierte Filmographie (Erfassungszeitraum: 1896 bis 1999). In: Medienwissenschaft / Hamburg: Berichte und Papiere 48, 2003 (online). – Drexler, Peter (1995): Hexen und Teufelsfilme: Das Omen (1975) In: Faulstich, Werner; Korte, Helmut (Hrsg.): Fischer Filmgeschichte. 100 Jahre Film. Bd.4: 1961-1976 Zwischen Tradition und Neuorientierung. Frankfurt: Fischer 1995, S. 268-280.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: UK KNB


Zurück