Lexikon der Filmbegriffe

kakushin eiga

von japanisch: kakushin = Fortschritt, Innovation, Reform + eiga = Film: reformierter Film oder Reformfilm

Die 1910er Jahre waren für den stark isolationistischen japanischen Film eine Zeit der Vorstöße hin zu einer Umorientierung nach westlichen Vorbildern. Es gab, oft unter starken Widerständen des filmwirtschaftlichen Establishments, einige Versuche, sich vom völlig am traditionellen japanischen Theater (kabuki) ausgerichteten und ganz auf den heimischen Massenunterhaltungsmarkt beschränkten Filmemachen abzulösen. Nicht unbekannt blieb im Westen der junge Kulturtheoretiker, Filmtechniker und Modernisierer Norimasa Kaeriyama mit seinem seit 1916 formulierten, volkserzieherisch motivierten ‚reinen Filmtheater‘ (Pure Film Movement, japan.: jun'eigageki-undô), das er bei Kobayashi Kizaburos für Experimente offenen Produktionsfirma Tenkatsu auch als Regisseur (unter dem Pseudonym Mizusawa Takehiko) innovativ umzusetzen trachtete.
Weniger bekannt wurden Bestrebungen der Regisseure Eizô Tanaka und Tadashi Oguchi, ihre Vorstellungen von der sogenannten Neuen Schule des dramatischen Theaters (shingeki) zusammen mit dem Drehbuchautor und Theoretiker Kiyoshi Masumoto bei der bedeutenden, 1912 entstandenen Firma Nikkatsu auf den Film als formale wie auch als natürliche Kunstform zu übertragen (sog. shimpa- oder shinpa-Filme), ein Vorhaben, das ‚kakushin eiga‘ (Reformfilm bzw. reformierter Film) genannt wurde. Ein Film sollte nun mehr sein als – wie allenthalben noch üblich und beliebt – weitgehend statisch abgefilmtes Film-Bühnentheater. So wirkten die drei 1918 in Chichi no namida [„Vaters Tränen“] zusammen, ein Film, von dem noch Teile des Drehbuchs Masumotos erhalten sind. Tanakas Versuche, die typisch japanischen, filmbegleitenden Erzähler (benshi) mehr und mehr durch kameratechnische und dramaturgische Verfahren des Films selbst zu ersetzen, wurden mit wütenden, streikähnlichen Protesten der Betroffenen ebenso gekontert wie die – letztlich jedoch durchgesetzte – Abschaffung der ‚onnagata‘, jener männlichen Schauspieler, die bisher die Frauenrollen zu verkörpern hatten.
Der Regie-Meisterschüler von Tanaka und Oguchi, Kenji Mizoguchi, führte die melodramatische Nikkatsu-Schule des shinpa-Films später zu formaler Vollendung.
Leider sind fast alle Filme aus jener Zeit durch das verheerende Erdbeben von 1923 in der Region Kanto, das auch große Teile Tokyos zerstörte, vernichtet oder bleiben verschollen.

Literatur: Bernardi, Joanne: Writing in light: the silent scenario and the Japanese Pure Film Movement. Detroit: Wayne State University Press 2001, bes. S. 26-27. – Gerow, Aaron: One print in the age of mechanical reproduction: film industry and culture in 1910s Japan. In: Screening the Past 11, 2000, URL: http://www.latrobe.edu.au/screeningthepast/firstrelease/fr1100/agfr11e.htm. – Masumoto, Kiyoshi: Riarizumu no eiga ["Filmischer Realismus"]. In: Katsudo Kurabu 4,5, Mai 1921, S. 28-29.

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