Lexikon der Filmbegriffe

production number I

Die Attraktion des kinematographisch aufgezeichneten Tons erfuhr zu Beginn des Tonfilmkinos seine Steigerung durch die Verbindung mit Gesang und Tanz in Anlehnung an tradierte Bühnengattungen wie die Operette, das Musical oder das Varieté. Frühe Exemplare der in den USA umgehend entstehenden Gattung des Filmmusicals basierten – so zum Beispiel The Hollywood Revue of 1929 (1929) – direkt auf dem Nummernprinzip des Varietés und die Shownummern, die sie präsentierten, folgten weitgehend der Inszenierung von musikalischen Nummern auf den Broadway-Bühnen. Von hier wurde auch der Begriff der production number übernommen. Er dient zur Bezeichnung einer Show-Sequenz mit Gesang und Tanz, die in sich eine ästhetische Einheit bildet, ein populäres Musikstück (manchmal ein Potpourri) zur Grundlage hat und sich von ihrer unmittelbaren Umgebung durch einen performativen Moduswechsel klar abhebt.
Rick Altman hat auf eine strukturelle Regularität der Hauptnummern, die in Backstage-Musicals auftreten und die bei Busby Berkeley meist im zweiten Teil des Films konzentriert sind, aufmerksam gemacht. Die klassische Abfolge bringt (1) das sich im narrativen Plot findende Liebespaar als Protagonisten einer die Liebe thematisierenden Shownummer auf die Bühne. (2) Die zweite Nummer greift diese Konstellation noch einmal auf und steigert sie ins Ornamentale. (3) Die dritte Nummer schließlich (auch als als specialty number bezeichnet) ist nicht verbunden mit dem Paar der Liebenden und wird selten durch sie aufgeführt, sondern fußt, exzessiv inszeniert, auf einer kleinen Binnenerzählung. Während die Backstage-Musicals als Vorbild einer offen inselartigen Einbettung von production numbers gelten, kultivierten die Filme um Fred Astaire und Ginger Rogers (wie z.B. Top Hat, 1935) Lösungen, die sich um eine stärkere Handlungsintegration bemühten. Die Protagonisten beginnen aus Alltagssituationen heraus zu tanzen und zu singen. Sie bedürfen dafür nicht der Rechtfertigung durch eine Bühne innerhalb der diegetischen Welt. Dennoch kommt es auch hier zu einer tendenziellen Stillegung der narrativen Dynamik der Haupthandlung und zu einem Moduswechsel, der ästhetisch klar definierte production numbers hervortreten lässt.

Literatur: Altman, Rick: The American Film Musical. Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press 1987, insbes. S. 224-237. – Brinkmann, Christine N.: Busby Berkeleys Montageprinzipien. In: Handbuch der Filmmontage. Hrsg. v. Hans Beller. München: TR-Verlagsunion 1993, S. 204-220. – Dyer, Richard: Entertainment and Utopia. In: Only Entertainment. London/New York: Routledge 1992, S. 17-34. – Feuer, Jane: The Hollywood Musical. 2nd ed. London/New York: Routledge 1993.
 

Referenzen:


Artikel zuletzt geändert am 29.05.2012


Verfasser: JS


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