Lexikon der Filmbegriffe

Gangsterfilm

Vorwiegend amerikanisches Genre, das vom Aufstieg und Fall eines oder mehrerer Berufsgangster innerhalb des organisierten Verbrechens erzählt. Der Gangsterfilm ist damit jenes Genre, welches den amerikanischen Traum vom Erfolg (from rags to riches) behandelt. Der Gangsterfilm zeigt das Verbrechen als (organisiertes) Geschäft, er zeigt damit auch Schnittstellen und Parallelen von Kriminalität und Kapitalismus.
Bereits während der Stummfilmzeit produzierte Hollywood Filme über die Unterwelt und das Bandenwesen. Erst mit der Prohibition jedoch werden aus Kleinkriminellen und Erpresserbanden „Unternehmer des Verbrechens“. Der Tonfilm brachte den zeitgenössischen, durch Journalismus und Literatur bekannt gewordenen neuen Gangstertypus auf die Leinwand und verlieh ihm eine neue, realistische Qualität. Kennzeichen des Genres waren lakonische Dialoge, eine Zelebrierung des Slang, die ständige Bereitschaft der Gangster zu physischer Aktion und Gewalt im Großstadtdschungel sowie ein insgesamt rüder Tonfall. Ziel der Figuren war die (stets bedrohte) Sicherung der eigenen Position in der Unterwelthierarchie. Die Filme der ersten Gangsterfilm-Welle (1931-34) – insbesondere Little Caesar (1931, Mervyn LeRoy), The Public Enemy (1931, William A. Wellman) und Scarface (1932, Howard Hawks) – stammten zumeist von Warner Bros. und machten unter anderen James Cagney und Edward G. Robinson bekannt. Der 1934 durchgesetzte Production Code machte Filme, die aus der Perspektive von Gangstern erzählt wurden und diese als Heldenfiguren behandelten, fast unmöglich – die Gangster-Stars wechselten die Seite und traten als Polizisten in stofflich dem Gangsterfilm eng verwandten Filmen auf. Mit G-Men (1935, William Keighley) begann eine zweite Welle von Gangsterfilmen, die als Polizeifilme getarnt waren.
Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg verloren Gangster vorübergehend an Faszination. Nach 1945 führte eine Psychologisierung der Figuren mitunter zur Pathologisierung des Gangsters wie in White Heat (1949, Raoul Walsh). In den 1950ern und 1960ern entstanden Gangsterfilme vornehmlich als B-Filme, darunter eine ganze Reihe von Biopics bekannter Bosse (unter ihnen Love Me or Leave Me, 1955, Charles Vidor, mit James Cagney als Gangster). Erst mit dem Mafia-Film The Godfather (1972, Francis Ford Coppola) rückte die Gangsterfigur wieder in den Vordergrund des Interesses. Nicht nur ihre Tugenden – das radikale Verlangen nach Reichtum und Macht, die freie Verfügung über Sexualität, ein ungebrochen lustvolles Verhältnis zur Gewalt –, sondern auch der Grundkonflikt, den sie mit den gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen austragen muss, qualifizieren sie von Beginn an als tragische Figur.
Ihre heute wohl populärste Darstellung fand das Genre nicht im Kino, sondern im Fernsehen. Die Serie The Sopranos (1999-2006) hat es auf bislang sechs Staffeln gebracht.
In Frankreich, Japan und Großbritannien entstehen jeweils eigene Traditionen des Genres, in denen Melancholie vorherrschender Tonfall der Gangstergeschichten war und es oft um Vergeblichkeit als dramatisches Zentrum ging.

Literatur: Cocchiarelli, Joseph J.: Screen sleuths. A filmography. New York: Garland 1992 (Garland Filmographies. 3./Garland Reference Library of the Humanities. 1322.). – Karpf, Stephen Louis: The gangster film. Emergence, variation, and decay of a genre, 1930-1940. New York: Arno Press 1973. – Mason, Fran: American gangster cinema. From ‚Little Caesar‘ to ‚Pulp fiction‘. New York: Palgrave Macmillan 2002. – McCarty, John: Bullets over Hollywood. The American gangster picture from the silents to ‚The Sopranos‘. Cambridge, MA: Da Capo Press 2004. – Shadoian, Jack: Dreams & dead ends. The American gangster film. 2nd ed. Oxford/New York: Oxford University Press 2003; zuerst 1977.

Referenzen:

Mafiafilm

mob films

Mobster

pathologischer Killer I

pathologischer Killer II

Polizeifilm

policier


Artikel zuletzt geändert am 24.08.2014


Verfasser: CT PB


Zurück