Lexikon der Filmbegriffe

30-Grad-Regel

Grundsätzlich sollte in der innerszenischen Montage eine offensichtliche Differenz zwischen Nachbaraufnahmen bestehen – zwischen ihren Kamerawinkeln, Bildausschnitten oder Kameradistanzen. Im einzelnen: (1) Die oft der klassischen Auflösung von Szenen im Coverage-System Hollywoods zugerechnete 30-Grad-Regel besagt, dass sich die Kameraposition einer Einstellung, bei identischem Raum und gleichem Sujet, in ihrem Kamerawinkel zur vorherigen um mindestens 30 Grad unterscheiden muss. (2) Bleibt die Kamera auf der Achse, muss sich der Bildwinkel der Optiken, die in zwei aufeinander folgenden Einstellungen verwendet werden, ebenfalls um 30° unterscheiden. (3) Wird die Kameradistanz verändert, sollte der Heran- oder Wegsprung ausreichend groß sein („eine Einstellungsgröße überspringen“, heißt es manchmal). Hier muss sich zwar nicht der Winkel der Kameraposition zur Handlungsachse ändern, sondern die Distanz der Kamera zum Geschehen oder zur Figur, die im Zentrum steht.


Diese Regeln bedeuten, dass die Differenz zwischen den Einstellungen für die Filmwahrnehmung ein solches Maß an Unterschiedlichkeit einnehmen sollte, dass die Veränderung nicht als Fehler, sondern als tatsächlicher Sprung wahrgenommen wird. Trotz des Eindrucks der Kontinuierlichkeit des Geschehensflusses müssen also die Bilder eine solche Differenz aufweisen, dass sie Prägnanz gewinnt und als signifikante Veränderung der Kameraposition wahrgenommen wird. Es muss innerhalb des Continuity-Systems also eine für die Wahrnehmung anschaulich prägnante Differenz (wie man es gestaltpsychologisch ausdrücken würde) zwischen den Einstellungen geben, damit der Schnitt paradoxer Weise als „unsichtbar“ gilt. Bei zu geringer Differenz entsteht der Eindruck des „Jump Cut“, eines als unangenehm empfundenen Bildruckelns.

Referenzen:

Jump Cut


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: HB HJW


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