Lexikon der Filmbegriffe

Ut pictura poesis

lat. = eine Dichtung ist wie ein Gemälde

Die Formel wurde von Horaz in seiner Ars poetica eingeführt: Danach sind dichterisches Werk und Gemälde in ihren Wirkungspotentialen identisch. Schon der griechische Dichter Simonides von Keos (berichtet Plutarch, De gloria Atheniensium, 3.347a), hatte: „Poema pictura loquens, pictura poema silens“ (das Gedicht ist ein sprechendes Bild, das Gemälde schweigende Poesie) postuliert. Die die Künste vergleichende Formel wurde in der Folgezeit vor allem in Poetiken thematisiert, die nahezu immer der Poesie einen gegenüber der Malerei höheren Rang zuwiesen. Erst Leonardo da Vinci reklamierte die Überlegenheit der Malerei angesichts ihrer Fähigkeit, die Welt in ihrer Gleichzeitigkeit für das Auge als den höchsten der menschlichen Sinne darstellen zu können. Während der Aufklärung gewann die Formel erneut an Gewicht. Lessings Laokoon stellte Poesie und bildende Kunst einander gegenüber; sie hinsichtlich Gegenstand, Darstellungsmittel und Wirkung differenzierend, maß er beiden Eigenständigkeit zu; dennoch gab er der Dichtung den Vorzug, weil sie zeitliche Verläufe nachahmen konnte und durch das Medium der Sprache die unbegrenzte Phantasie des Menschen anspreche.
Im Film tauchte die Ut-pictura-poesis-Debatte im Rahmen der theoretischen und kritischen Beschäftigung mit der Verfilmung wieder auf. Das Nebeneinander von Sprach- und Bildkunst stimulierte schnell die Frage nach dem Rang der Künste, aber auch nach der Frage, wie von einem ins andere Medium „übersetzt“ werden konnte.

Literatur: Buch, Hans Christoph: Ut pictura poesis: Die Beschreibungsliteratur und ihre Kritiker von Lessing bis Lukacs. München: Hanser 1972. – Lee, Renssalaer W.: Ut Pictura Poesis: The Humanistic Theory of Painting. In: Art Bulletin 22, 1940, S. 197-269.
 

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Artikel zuletzt geändert am 16.07.2011


Verfasser: HJW


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